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Verantw. Redakteur und Verleger: Dr. Meinert.
Druck von Liepsch & Reichardt in Dresden.
Man sieht, Herr Dr. Bock ist nahe daran, das Heiß-
Wassertrinken als ein Universalmittel zu empfehlen, natürlich
oder doch muthmaßlich in Verbindung mit „Unterjäckchen,
wollenen Socken und Leibbinden" — !
Nachbemerkung der Redaction.
Der Nachtheil des „heißen" Wassers für den Körper ist
darin zu sehen, daß es, als unsere Blutwärme übersteigend, zu
einem starken Reiz (ausdehnender Art) wird und somit die
Folgen jeden starken Reizes,.nämlich Erschlaffungs-Zustände, nach sich
ziehen muß. Je stärker der Reiz, je anhaltender seine Wirkung,
und je zarter der Ort der Anwendung, desto schneller tritt jene
Erschlaffungswirkung ein. Zugleich folgt aber jeder Nervenanregung
oder Nervenreizung eine erhöhte Blutcirculation an der gereizten Stelle,
bis durch die zu große Heftigkeit und Dauer des Reizes, und resp. bei
der Zartheit des betr. Organes, mehr oder weniger Lähmung der in
Frage stehenden Nervenparthieen eintritt und ' damit die Befähigung
derselben zur Erhöhung der Blutcirculation, aber auch überhaupt zu
der örtlich nöthigen Functionirung, aufhört.
Insoweit sind also die Folgen unverständiger innerer und äuße
rer Kalt- und Heiß-Wasseranwendung gleich, nur daß der zu hohe
Kälte reiz in der entgegengesetzten, nämlich zusammenziehenden
Richtung nachtheilig eingreift. Aber doch ist anderer Seits die Ein
richtung unseres Organismus gegenüber den Kälte-Einwirkun
gen örtlicher Art günstiger zu nennen: Wenn nämlich nur
ein kleiner Theil unseres Körpers, z. B. die Magenschleimhaut, von
hohem Kältereiz berührt wird, wie z. B. beim Genuß von Eis,
so weiß die Natur diesen ihr hier zugefügten Angriff (falls nicht mo
mentan die Blutgefäße der Magenwandungen in Folge von Erregun
gen des Körpers, wie beim Tanz, nach Reiten, oder heftigem Laufen,
gerade von ungewöhnlicher Blutfülle strotzen, und daher bei Plötz
licher Berührung mit Extremen von Kälte sich zu schnell und zu ener
gisch schließen, wodurch Rückstauung des Blutes nach Herz und Lun
gen und zugleich plötzliche Erlahmung von deren Nerven — Schlagsluß
—, oder nach dem Gehirn mit Bluterguß daselbst — Gehirnschlag — die
Folge. sein kann), also im Zustande g e w ö hn l i ch er Blutcirculation und
Nervenbelebung, durch ihr Reactionsvermögen, d. h. entspre
chende stärkere Bluthinsendung nach dem afficirten Orte, auszugleichen,
und der zu häufigen Wiederholung beugt sie durch das Ent
stehendes fröstelnden Gefühls vor. Die Hitze wirkt dagegen, wie
gesagt, ausdehnend; ein heißes Getränk dehnt also in ungewöhnlicher
Weise die Gefäße in den Magenwandungen aus, bewirkt daher zu
gleich Blutanhäufungen und Erschlaffungen in der dortigen Schleim
haut, ohne daß aber hier, bei öfteren Wiederholungen, eine War
nungsstimme eher, als bis schon ziemlich ausgebildete chronische Leiden
(Magenkrampf, Verdauungsbeschwerden rc.) vorhanden, dagegen sich geltend
machte. Dazu wird der ipurch solche Hsttzereize herbeigeführte Con-
gestionszustand im Innern stets eine Quelle von Blutmangel in der
äußeren Haut und allen peripherischen Organen des Menschen, dem
die Functionsstörung der Haut, als wichtigsten Organes des ganzen
Körperstoffwechsels, auf dem Fuße folgt. • ■
Wir können heute diese Sätze hier nicht weiter ausführen (be
halten uns dies vielmehr für einen besonderen Artikel vor); aber wir
wollten wenigstens vorläufig andeutungsweise vor den Folgen der
inneren Hitzeerregung gewarnt haben.
Des Natmarztes d. Helfer Leiden und Freuden.
Somatisch-hydriatische Novelle.
(Fortsetzung.)
Alle Anwesende hatten sich während dem von ihren Sitzen
erhoben, um den bisher schon still unter ihnen weilenden, jetzt
auf einmal aufstehenden und sich auf einen der Brückensteine stellen
den und so predigenden „Propheten" zu sehen. Keiner sagte,
als die kurze Rede beendet war, ein Wort, sondern Alle gin
gen alsbald, als Dr. Helfer geendet hatte und unter freund
lichem Gruß nach rechts und links dem Hause sich zuwandte,
ebenfalls still ihres Weges. Nur der Steuereinnehmer konnte
nicht umhin, in die Hände zu klatschen und ein Bravo zu
rufen. Dann schloß er das Fenster, um seinem vom Kirch
gang also zurückgekehrten Miethsmanne entgegenzugehen und
vor Allem selbst, für sein Malchen, seinen Rath in Anspruch
zu nehmen.
„Ei, ei, mein lieber Herr Rühle," rief ihm der Doctor
entgegen, als sie an der Hausthür sich trafen, „welche Wol
ken auf dieser sonst so heiteren Stirn?"
„Ja, nicht wahr, 's ist kein Kirmsgesicht, was ich mache;
's geht aber auch nicht, wenn man sein Kind so leiden sieht!"
Dr. Helfer. Wie so, Malchen unwohl — so plötzlich
— sie, die gestern Abend noch so heiter, lustig und voller
Lebenskraft?
Rühle, 's ist vielleicht nicht so schlimm, 's greift auch
mich vielleicht mehr an. als mein Kind selbst, aber ich bin
nun 'mal so — ; will lieber selber die Schmerzen haben, nur
nicht Frau und Kind leiden sehen; doch kommen Sie, wenn's
gefällig, nur einen Augenblick herein; meine Frau wird Ihnen
schon näher sagen, was mich aller vier Wochen so schmerzlich
bei und wegen dem Mädel berührt.
Die beiden Männer traten in's Rühle'sche Wohnzimmer,
und auch Frau Rühle, aus der Küche kommend, geschäftig,
wie immer, fand sich alsbald ein. „Ach, lieber Herr Doc
tor," sagte sie nach kurzer Begrüßung, „sagen Sie uns doch,
was Sie, als Naturarzt, für geeignet halten gegen schmerz
hafte und krampfartige Erscheinungen, welche fast regelmäßig
bei unserer Malchen dem Eintritt ihrer Periode vorausgehen.
Hören Sie? — wie in der.Kammer daneben das arme Ding
jammert und sich im Bette windet, wohin sie bald nach dem
Aufstehen sich wieder niederzulegen gezwungen war. Diesmal
ist der Anfall ganz besonders schlimm — mag's nur Erkäl
tung sein, die sie sich auf dem gestrigen Gange von der Pathe
nach Hause zugezogen hat —" oder, fiel Dr. Helfer ein, auch
der Kartoffelkuchen!"
Frau Rühle. Wäre' das möglich?
Dr. Helfer. Ja gewiß! Unter vielen Kuchensorten ist
der Kartoffelkuchen der schwerverdaulichste und leicht kann sein
längeres Verharren im Darm, bei nahe bevorstehender Periode,
wo es durch den dann wahrscheinlich in der Sphäre der Darm
gefäße eintretenden momentanen Blutmangel doppelt begünstigt
wird, bedeutende Symptome von Störungen und Erscheinun
gen im Eintritt dieser Function des weiblichen Körpers her
vorrufen. (Fortsetzung folgt.) .
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