22
äußere Haut vollständig erschlafft, jede Ausdünstung derselben
hatte, wie ich schon so oft beobachtet, durch die Wirkungen
weißer Pülverchen (Kalomel mit Zucker) aufgehört, die Wärme-
und Elektricitätsströmungen und auch die Säfte-Circulation
waren im Stocken, die Augen lagen tief in ihren Höhlen und
das Kind durfte nur die Augen zumachen, dann war die
Leiche fertig. Bei der Unruhe des Kindes und mit Rück
sicht auf den häufigen Durchfall fand ich das Hauptübel (primär)
in dem abnormen Zustande der Ausscheidungs-Organe und
ein Nebenübel (seeundär) in der Entzündung des Magens und
der damit in Verbindung stehenden, die Brust berührenden
Theile. Um die Hautfunctionen anzuregen, machte ich eine
leichte Abreibung (mit einem in frisches Wasser getauchten
und ausgerungenen Handtuch). Zur Hebung der erwähnten
Entzündung ließ ich die Brust und den Unterleib mit einem
ebenfalls in frisches Wasser getauchten Handtuch (einmal naß^
und zweimal trocken) umhüllen. Diese'Art der Behandlung ge
währte mir aber bei der großen Schwäche und dem nahen Tode
des Kindes keinen günstigen Erfolg, wie er von einem Mittel
des Naturarztes erwartet werden kann. (Hier sieht man den
Fehler, wenn man, wie jeder andere Arzt, sein Recept ab
geben und sich um die Wirkungen des Mittels vorläufig nicht
bekümmern wollte.) Das Kind bekam eine eisige Kälte; dies
bemerkend, ließ ich sogleich, zur Vorbereitung eines Halbbades,
in eine Badewanne frisches Wasser und soviel kochendes Was
ser dazu gießen, daß es eine Temperatur von ungefähr 22 0
R. annahm. Gewöhnlich lasse ich ein solches Bad so berei
ten, daß man beim Umrühren mit der Hand eine angenehme
Empfindung hat (weder zu kalt, noch zu warm). Das Kind
wurde in diesem Bade mit der flachen Hand gerieben, nach
zwei Minuten in trockene Leinwand gehüllt und dann in das
Bett gebracht und gut zugedeckt. Hiernach entwickelte sich bald
Wärme und Ausdünstung, dann ließ ich die Brust und den Unterleib
anderweit mit einem in frisches Wasser getauchten und ausge
rungenen Handtuch belegen (einmal naß und zweimal darüber
trocken). Diese Umschläge wurden gewechselt, sobald sie heiß
waren und sich eine -Unruhe des Kindes bemerkbar machte.
Außerdem ließ ich, wenn sich die Unruhe des Kindes ein
stellte, einigemal ein kleines Klystier von verschlagenem Was
ser geben. Schon Nachmittags stellte sich ein durch Schreien
angekündigter Hunger ein, nach eingenommener Nahrung er
hielt das Kind einen ruhigen Schlaf, und die Symptome des
Durchfalls (Erbrechen und Diarrhoe) waren ziemlich verschwun
den. Als der Hausarzt am nächsten Tage das Kind sah,
war er erstaunt über die Wirkungen der zwar verschriebenen,
aber nicht tveiter gebrauchten Pülverchen, — denn er hatte von
der Anwendung des Wassers keine Kenntniß erhalten. Trotz
der schönen Wirkungen, die er seinen Mitteln zuschrieb, soll
er doch gemeint haben, jetzt möchte man mit den Pülverchen
aufhören, es könnte zuviel werden. Natürlich! wenig Gift
schwächt, und ein kleines Quantum zu viel tobtet. Der Na
turarzt dagegen greift zu dem Mittel, das ihm nach Minuten
einen günstigen Erfolg und nach Stunden oft schon Wohlbe
hagen und Besserung erkennen läßt und kann es unter solchen
Erscheinungen stets ohne Nachtheil anwenden. Unser Patient
hat sich von Stunde zu Stunde gebessert, und nach einer
dreitägigen Fortsetzung der gedachten Umschläge und einer
täglichen Abreibung mit kaltem Wasser, war die Krankheit
gänzlich beseitigt Die Eltern blicken jetzt mit Freude aus
das ihnen erhaltene und bereits durch tägliche kalte Waschungen
zur vollen Gesundheit zurückgeführte Kind. (Forts, folgt).
Aus dem Tagebuche eines Hypochonders.
Mitgetheilt von Baptista Vanoni, Naturarzt in München.
Motto: „Ihre Zahl ist Legion/'
Unter den vielen Schattirungen der Menschen-Arten und
Abarten sind sicherlich die mysteriösesten und physiologisch so
wohl, als psychologisch die interessantesten, sowie für den Arzt
die trostlosesten und rätselhaftesten: die H y p o ch o n d r i st e n,
und von ihnen sind am Ende jene noch am besten daran, die
sich's klar und bewußt sind, daß sie Hypochonder sind,
wodurch sie sich in den Stand gesetzt sehen, Kraft ihres Geistes
eine gewisse Herrschaft zu gewinnen über das Materielle, um
den dämonischen Geist momentan zu überwältigen. Selbe
treten dann nach einiger Zeit der Erfahrung und- der Selbst-
Beobachtung in das Stadium eines Philosophen; freilich
laufen sie auch Gefahr: Philosoph aste r, das heißt Grüb
ler. Tüpfler und Spitzfindler zu werden —; in diesem Falle
sind sie oft sich und Anderen unerträglich, und man weicht
ihnen aus.
Göthe zum Beispiel war Philosoph, aber kein „Hy
pochonder", dagegen war Jean Paul ein tiefer Hypo
chonder, wie auch Heine und Börne Hypochonder waren
Viele aus der Classe der Hypochonder werden von ihrer Um
gebung, von ihren Freunden und Bekannten, gar nicht als
solche Kranke erkannt, ja man findet in geselligen Kreisen
häufig sogenannte „Lustige" und „Spaßvögel", die eine
Gesellschaft elektrisch zur Heiterkeit stimmen können, während
sie zu Hause in ihren vier Mauern die tiefsten und trübse
ligsten Hypochonder sind.
Wir finden z. B. auf der Bühnenwelt, daß Komiker und
sogenannte Lieblinge des großen Publikums zum größten
Theile dieser Classe angehören.
Der beliebteste deutsche Volksdichter und Komiker Ray-
mund, der Tausende zum Lachen brachte, war Hypochonder
und ward zum Selbstmörder, trotzdem er allbeliebt und
in den besten (?) finanziellen Umstünden lebte.
Die verschleierten und mit Humor markirten Hypochonder
werden von der großen Menge nicht als solche erkannt, wohl
aber erkennen sie sich gegenseitig und meiden sich im geselligen
Umgänge. Diese Gattung von Hypochonder findet man mei
stens nur unter den Gebildeten, die vermöge ihrer mehrseiti
gen Bildung und Kenntnisse den Geist beschäftigen und den
(Jdeengang gleichsam reguliren können; selbe erlangen endlich
hierin eine solche Fertigkeit, daß sie sich über tausend Dinge
und Lebensvorkommnisse hinwegsetzen können nach dem Grund
sätze: „Philosoplius non curat.“
Bildung und entsprechende Beschäftigung- in Abwechse
lung der Geistes-Thätigkeit, insbesondere aber Liebe und An
hänglichkeit zur göttlichen Natur und ihren Schöpfungen,
nebst Umgang mit Menschen der verschiedensten Stande sind
die sichersten Mittel zur Abwendung des sogenannten Tief-
sinns und Trübsinns.
Wir finden diese Disharmonie des Geistes mit der Ma
terie mehr und häufiger beim männlichen, als beim weib
lichen Geschlechte und letzteres rettet sich vor Schwermut!)
und Trübsinn durch seine Liebe des abwechselnden Berufes,
durch Erfüllung seiner häuslichen Bestimmungen und Aufgaben
und neben diesem durch einen religiösen Sinn ohne Pietisterei
und Betschwesterei. Auch bei Männern ist es großer Trost,
wenn sie zur Abwendung von Trübsinn den Geist mit kind
lichem Gemüthe zur Unendlichkeit Gottes erheben können