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Nun folgte eine Erzählung der anderen. Da saß ein Bauer unter uns; der
ging am Allerseelentage Vormittag trotz Bitten der Bäuerin auf die Jagd. Als er
sich im Walde befand, bemerkte er ein Eichhörnchen auf einem Baum. Er riß die
Büchse von der Schulter und zielte. Der Schuß krachte und das Eichhörnchen fiel
herunter. In diesem Augenblicke aber sah er, wie es wieder an dem Stamm
emporkletterte. Er zielte wieder und getroffen fiel es wieder herab. Jetzt sah er
aber drei Eichhörnchen emporklettern und schoß abermals. Doch, o Schrecken, in
diesem Momente wimmelte der ganze Baum von einer Menge Eichhörnchen. Es
erfaßte ihn Schauder und eiligst verließ er den Wald mit dem Gelöbnis, nie mehr
am Allerseelentage auf die Jagd zu gehen.
Alle machten, als er zu erzählen aufgehört hatte, ein paar kräftige Züge
aus ihren Pfeifen. Aber schon rüstete sich wieder einer zu einer anderen Geschichte.
Ein alter Mann, der viel derartiges wußte, drückte den Tabak zusammen, zog
ein paar Mal kräftig an, strich sich den Bart zurecht, hob den Kopf und begann:
„Da muß ich euch auch was erzählen. Einmal — ich war damals noch jung —
ging ich bei Nacht heim. Wie ich über eine Wiese ging, auf die der Mond recht
hell schien, sah ich ein grasendes Pferd. Als ich näher hinzugekommen war, be¬
merkte ich, daß es unser Pferd sei, Farbe und Größe stimmten ganz auffallend.
Weil es nach Hause nicht mehr weit war, so glaubte ich, daß es im Stall ledig
geworden sei. Das Roß war sehr zahm und so wollte ich heimreiten. Als ich eine
Zeit lang geritten war, kam mir die Gegend ganz fremd vor, und je länger ich
ritt, um so weniger kannte ich mich aus. Auch das Roß wurde unruhig und fing
an, im Galopp zu laufen. Da dachte ich mir: das kann nicht mehr mit rechten
Dingen zugehen, halb in Verzweiflung rief ich: „In Gotts Namen," und — saß
schon auf der Erde. Der Alte hob die Schultern hoch, schlug mit den flachen Händen
zum Zeichen, daß er sichs nicht erklären könne, auf die Schenkel und machte wieder
ein paar kräftige Züge aus der Pfeife.
Etwas Aehnliches hatte mir auch meine Mutter oft erzählt. Zwei Schulkinder
gingen in den Wald, um dürres Holz zu sammeln. Auf einmal war der Knabe
verschwunden und das Mädchen wußte nicht, wohin sein Bruder so plötzlich ge-
kommen sei. Alles Rufen und Schreien war umsonst. So lief das Mädchen heim
und erzählte weinend den Eltern, was sich zugetragen hatte. Die Eltern und
Nachbarsleute durchsuchten nun den Wald kreuz und quer, fanden aber den Knaben
nicht. Endlich, nach vielen Stunden trafen sie ihn zusammengekauert und furchtbar
zerkratzt neben einem Kreuzbilde an. Der Knabe erzählte dann, daß ein schwarzer
Mann, mit einem Kopf, so groß wie ein „Krautschaffl," mit sehr langen Fingern
und Nägeln gekommen sei und ihn mitgenommen habe. Die Leute erklärten das
so: Wird bei der Taufe etwas ausgelassen, so hat bei einem solchen Kinde der
Teufel einen Angriffspunkt und kann es rauben. Wird jedoch im Augenblicke des
Raubes das Kind beim Taufnamen gerufen, so muß der Teufel das Kind fallen
lassen. Sonst aber schleppt er es mit sich fort und zwar so weit, bis er an einem
Kreuze vorüber muß. Hier muß er das Kind zurücklassen.
Solche Geschichten wurden oft viele erzählt und mancher vergaß dabei, daß
ihm die Pfeife im Munde kalt geworden war und es bereits zwölf geschlagen hatte.
Dann riefen noch die Kinder: „Mutter, ich fürcht mich; wenn ein Lichtl kommt oder
gar der Schwarze oder die Trud!" Die Mutter mußte dann wieder beschwichtigen
und trösten, bis die Kleinen einschlummerten. War aber der nächste Tag gekommen,
so freute man sich doch wieder auf die gemütliche Zusammenkunft am Abend.