Full text: Die Lebensbeschreibung Severins als kulturgeschichtliche Quelle (2 ; 1903)

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müsse, und fügte hinzu, nicht anders lasse sich der Brand fleischlicher 
Lust unterdrücken, als wenn man ihn mit Gottes Gnade im Quell der 
Tränen lösche“ 1 ). 
Die Erzählung ergibt, daß die Mönchsregel des Severin, deren übrigens 
auch das 4. Kapitel in kurzen Worten gedenkt 2 ), drei wesentliche Be 
stimmungen enthält: 
1. Loslösung von der Familie, 
2. Loslösung von der Welt und weltlichem Prunk, 
3. Askese, und als deren Hauptübung „viel Weinen“. 
Man könnte also als die drei Grundkräfte des Severinschen Mönch 
tums Ehelosigkeit, Eigentumsentäußerung und Keuschheit bezeichnen. 
In der Abschiedsrede, die der Heilige an seinem Todestage an die 
Mönche richtete, mahnte er sie im besonderen zur brüderlichen Gemein 
schaft, zur Keuschheit und zur Beobachtung der Regel der Demut 3 ). 
Sie sollen es nicht am beständigen Gebet fehlen lassen, sich nicht der 
Reue über ihre Sünden schämen und die Kränkung des Herrn durch 
den Strom ihrer Tränen sühnen 4 ). „Eure Sitten sollen mit dem Gelübde, 
das ihr abgelegt habt, im Einklang sein. Wenn es schon für einen 
*) Cap. 9, 4: daturus nihilominus monachis formam sollicitius admonebat beatorum patrum 
vestigiis inhaerere, quibus sanctae conversationis adquireretur instructio, adhibendamque operam, 
ne is, qui parentes reliquit et saeculum, pompae saecularis inlecebras retrorsum respiciendo 
cuperet, quas vitaverat, et ad hoc uxoris Loth exemplum terribile proponebat. Memorabat 
etiam timore domini mortificanda esse incentiva libidinum nec aliter superanda corporeae 
delectationis asserebat incendia, nisi fuissent per dei gratiam lacrimarum fonte restincta (p. 21, 20). 
S. auch Mommsens Prooemium p. VIII über das carmen Eugippianum, das sich als Kom 
pilation aus der vita darstelle, und dessen Vers 22 lautet: „tu quidem normam monachis 
dedisti“. Dieser Vers hat nach Mommsens Vermutung (a. a. O.) die Unterlage gebildet für 
die Behauptung des Isidor, de viris illustribus c. 34, Eugippius habe eine Mönchsregel verfaßt. 
Büdinger, Eugippius, Wiener Sitzungsberichte 1878, 91, 801 sagt, Severin habe statt einer 
besonderen Regel seiner Kongregation nur allgemeine fromme Anweisungen gegeben.. Bernoulli, 
Die Heiligen der Merowinger S. 59 stimmt dem zu, Eugippius erst habe durch Hinterlassung 
eines Ordensstatutes die bis jetzt nur mündliche Tradition von Severins mönchischen An 
schauungen zu einer eigentlichen Mönchsregel verdichtet. Mit Recht bemerkt aber Mabillon, 
A. A. S. S. ord. S. Bened. I 11: ut in Oriente, sic in occidente tot propemodum typi ac 
regulae erant quot cellae ac monasteria. 
2 ) Cap. 4, 6: ubi plurimos sancto coepit informare proposito (p. 15, 17). 
3 ) Cap. 43, 3: fraternae caritatis vincula diligere, castitati operam dare, humilitatis regulam 
custodire (p. 50, 18). 
4 ) Cap. 43, 5: iugis oratio — agere paenitentiam — lacrimarum inundatio (p. 50, 31).
	        
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