Full text: Die Lebensbeschreibung Severins als kulturgeschichtliche Quelle (2 ; 1903)

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Verpflichtung niemanden etwas verraten durften. Der Kantor Moderatus 
in Kapitel 24 ist ebenso wie der Presbyter und der Diakon in Kapitel 19 
der Vertrauensmann des Heiligen und überbringt dessen Botschaft an 
die Einwohner von Joviacum. 
Man wird m. E. zu keinem anderen Ergebnis kommen als diesem: 
Neben dem Episkopat besteht im Norikum des 5. Jahrhunderts das Amt 
der Presbyter, deren Wesen bis zu einem gewissen Grade noch charis 
matischer Art ist, die aber im übrigen nur als die ausführenden Organe 
des Gottesmannes, der selber das eigentliche charismatische Organ in 
Norikum ist, tätig sind. Ihnen liegt ob: Leitung des Gottesdienstes, 
Darbringung des Opfers, priesterliche Fürbitte, Weihe der Reliquien, 
Ansage der Fasten. Ihnen ist zur Hilfeleistung eine Reihe dienender 
Ordnungen 1 ) beigegeben, die der Diakonen, Subdiakonen, Küster, Osti- 
arien, Kantoren, die aber nicht eigentlich als niedere Ordnungen zu 
betrachten sind und deren Funktionen, so wenig wir sie im einzelnen 
genau identifizieren können, wohl formell, aber nicht graduell von den 
jenigen jener sich unterscheiden. 
In merkwürdig zäher Form scheinen sich in der kampfdurchwogten 
römischen Provinz an der Donau und unter der Einwirkung der dortigen 
unsicheren Verhältnisse und des aus dem Orient hierher verschlagenen 
Propheten Zustände der alten Kirche, ja bis zu einem gewissen 
Grade sogar Zustände der nachapostolischen Zeit erhalten 
zu haben, obwohl natürlich das Schweigen unserer Geschichtsquelle 
ebenso ein unbeabsichtigtes Verschweigen vorhandener fortgeschrittener, 
wie eine Bestätigung noch bestehender primitiver Verhältnisse ent 
halten kann. Mehr, als sie faktisch ausgibt, wird man aber keinesfalls 
aus ihr herauslesen dürfen. 
Von den oben S. 28 erwähnten Pfarrkirchen mag besonders eine in 
den Kreis dieser Besprechung gezogen werden. 
Äußerst charakteristisch ist das, was die vita Severini im 15. Kapitel 
von der Kirche zu Quintanis an der Donau zu berichten weiß: „Eine 
Kirche hatten die Bewohner dieses Ortes außerhalb der Mauern aus 
Holz erbaut. Diese schwebte über der Wasserfläche und wurde gestützt 
durch Pfähle und gabelförmige Hölzer, die in der Tiefe ein gerammt 
waren; die Stelle des Estrichs vertrat eine Lage geglätteter Bretter, 
1 ) Yergl. Richter-Dove, Kirchenrecht S. 289. 
Eine 
Pfahlbau- 
kirche.
	        
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