Gesamtlage beim Jahreswechsel.
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dort mehr Kräfte einzusetzen. Ein Angriff der Rumänen aber kam — wie
sich bald herausstellte — zunächst überhaupt nicht in Frage.
Die in den asiatischen Gebieten der Türkei') in langsamem Fort-
schreiten befindlichen Operationen der Engländer und die für das Frühjahr
dort in Aussicht genommenen der Russen konnten auf die bevorstehenden Cnt-
scheidungskämpfe in Mitteleuropa unmittelbar keinen merkbaren Einfluß
ausüben.
5. Fragen des See- und IVirtschafrskrieges.
Als besonders gefährliches Kampfmittel hatten sich die deutschen Unter-
seeboote erwiesen, denen immer größere Teile des dringend benötigten Schiffs-
raums zum Opfer fielen. Schon Ende Oktober 1916 hatte Admiral Iellieoe,
der Chef der englischen Hochseeflotte, von der ernsten Gefahr gesprochen, daß
die fortgesetzten Schiffsverluste und die dadurch hervorgerufene Drosselung
der Einfuhr im Frühsommer 1917 zu einem schlechten Frieden zwingen
könnten. Anfang November hatte der Handelsminister Runeiman erklärt,
daß lange vor dem Juni 1917 die Schiffahrt einen völligen Zusammenbruch
erleiden werde. In der Tat hatte England von den 11 Millionen Tonnen
seines Gesamtschiffsraums bis Ende 1916 mehr als 2 399 999 Tonnen ein-
gebüßt. Nach englischer Auffassung fehlten Ende des Jahres 1916 gut 59 v. H.
der zur Bewältigung der unerläßlichen Einfuhr nötigen Tonnage. Die ersten
acht Monate des Jahres 1916 hatten 699 999 Tonnen gekostet, die letzten
vier aber 632 999 Tonnen. Hinter diesen Verlusten blieben die monatlichen
Neubauten von etwa 52 999 Tonnen um die Hälfte bis ein Drittel zurück.
Ein wirksames Gegenmittel gegen die Unterseeboots-Waffe war noch nicht
gefunden; die Admiralität zweifelte, ob es überhaupt eines gäbe.
Für die britische Regierung, die neben der eigenen Lebensmittel- und
Rohstoffeinfuhr ihre überseeischen Kriegsschauplätze und die Verbündeten
mit dem nötigen Kriegsbedarf versorgte, waren das sehr trübe Aussichten.
Vis ein wirksames Mittel gegen den Unterseekrieg gefunden wurde, mußte
man versuchen, der Schiffsraumnot durch Beschränkung der Einfuhr zu be¬
gegnen. Da am eigentlichen Kriegsbedarf nicht gespart werden konnte, im
Gegenteil eher mit einer Steigerung gerechnet werden mußte, konnte die
Drosselung nur bei weniger lebenswichtigen Stoffen, wie Zucker, Früchten,
Gemüsen, Futtermitteln, Holz, Papier, Glas und Luxuswaren einsetzen.
Daneben gab es nur den mit Tatkraft beschrittenen Weg, durch Steigerung
der Selbstversorgung und sparsame Bewirtschaftung der im Lande vorhan-
denen Nahrungsmittel die Schiffahrt zu entlasten und durch zweckmäßigere
Verteilung des verfügbaren Schiffsraumes sowie durch verstärkten Neubau
9 Vd. XI, S. 418 ff.
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