288 Die Oberste Heeresleitung bis zum Beginn der Somme-Schlacht.
Bild von den Leistungsmöglichkeiten auf deutscher Seite in bezug auf Ersatz
an hochwertigen Kampftruppen und Kampfmitteln machte. Im übrigen aber
verfehlte die Darlegung der Gründe für den bisherigen Verlauf des
Kampfes und für das Festhalten am Angriffsgedanken offenbar nicht ihren
Eindruck auf den deutschen Generalstabschef. Vom Fall der Festung selbst,
der früher das einzige, unaufhaltsam mit aller Kraft anzustrebende Ziel des
Oberkommandos gewesen war, wurde nicht mehr gesprochen. Es kam ihm
vor allem darauf an, die „Vernichtung der kampfkräftigen französischen
Reserven zu vollenden" und sich dazu zunächst einmal in den Besitz des
beherrschenden Höhengeländes auf dem Ostufer zu setzen. Darin klang ein
Gedanke an, wie er General von Falkenhayn selbst, wenn auch gewiß unter
wesentlich anderen Voraussetzungen, seinerzeit bei der Entschlußfafsung für
den Angriff auf Verdun bewegt hatte. Für seinen Schöpfer schien er
inzwischen aber angesichts der unerwarteten Gestaltung der Dinge an Über-
zeugungskraft stark eingebüßt zu haben. Daß er ihm jetzt von anderer Seite
mit Zuversicht nahegebracht wurde, mag den gesunkenen Glauben an seine
Richtigkeit aufs neue gestärkt haben. Auf der anderen Seite waren die
überzeugenden Darlegungen des Oberkommandos geeignet, endgültig die
künstliche Vorstellung zu beseitigen, als ob es im Belieben der deutschen
Führung stehe, „die Offensive schnell oder langsam zu führen, sie zeitweise
abzubrechen oder zu verstärken, wie es ihren Zwecken entspreche'"). Es gab
in der Tat nur zwei Möglichkeiten: entweder den einmal begonnenen
Angriff mit dem Nachdruck, der im Vereich des Möglichen lag, durch-
zuführen, oder ihn stillzulegen. Wenn das Oberkommando in starkem und
hoffnungsfreudigem Wollen die Wegnahme der Höhen um Souville in bal-
dige Aussicht stellen zu können glaubte, so durfte von sofortigem Abbruch
des Angriffs keine Rede sein. Infolgedessen trug General von Falkenhayn
in den Schlußfolgerungen, die er nunmehr für das künftige Handeln zog,
dem Standpunkt des Oberkommandos in weitgehendem Maße Rechnung.
Trotz starker Betonung des eigenen besseren Überblicks und zur Schau ge-
«.Apru. tragener Cntschlußsicherheit sprach sich in seiner Antwort vom 4. April
doch eine Art Kompromißlösung aus:
„Die Ausführungen . . . treffen leider in einigen wesentlichen Punkten
nicht zu.
„Zunächst werden die unseren Gegnern an der Westfront für größere
Offensivunternehmungen zur Verfügung stehenden Kräfte um ein Mehr-
faches unterschätzt. Die Kräfte reichen zahlenmäßig zweifellos für den
Versuch einer großzügigen Offensive aus. Ob eine solche gewagt werden
wird, ist freilich eine andere Frage. Ihre Beantwortung bleibt stets
-) S. 10.