Volltext: Die Operationen des Jahres 1915 ; [2]. Die Ereignisse im Westen im Frühjahr und Sommer, im Osten vom Frühjahr bis zum Jahresschluß (8. 1932)

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Der Mehrfrontcnkrieg im Sommer 1915. 
fang Juni sowohl dem Reichskanzler wie dem Auswärtigen Amt eine von 
der Obersten Heeresleitung ausgearbeitete Denkschrift über „die wirtschaft¬ 
liche und militärische Lage Frankreichs" übersandte, die zu dem Schluß 
kam: „Frankreichs Opfer sind in diesem Kriege so riesenhaft, daß die 
Regierung weder vor dem Volke noch einst vor der Geschichte die Verant¬ 
wortung dafür wird tragen können und in Bälde vor die Frage gestellt sein 
wird, zu entscheiden, ob nicht die Aufgabe des Widerstandes der Zukunft 
der Nation dienlicher sein wird als die Fortsetzung des für Frankreich 
trotz aller auswärtigen Hilfen aussichtslosen Krieges." Trafen die Ge¬ 
dankengänge dieser Denkschrift zu, dann konnte es allerdings fraglich er¬ 
scheinen, ob der Feindbund einen neuen Kriegswinter auf sich zu nehmen 
gewillt war. 
In diesen Zusammenhängen liegt wohl auch die Erklärung begründet, 
daß General von Falkenhayn am 20. Juni dem General der Pioniere beim 
Armee-Oberkommando 10, Generalmajor von Mertens, mündlich den ge¬ 
heimen Auftrag erteilte, auf dem westlichen Kriegsschauplätze „militärische 
Stellungen" in der allgemeinen Linie Rieuport, Lille, Douai, Hirson, 
Stenay, Metz — also etwa gleichlaufend zur belgischen Grenze — zu er¬ 
kunden. Das war die kürzeste hinter der Westfront mögliche Linie, in der 
noch der Besitz Belgiens, der Zugang zur See und die Möglichkeit des 
Ansatzes einer neuen großen Offensive gegen die Westmächte gesichert 
blieben. Dabei handelte es sich nach einer Äußerung des Generalmajors 
von Mertens offenbar um eine „ Demarkationslinie "P die für den Fall 
einer Waffenruhe mit anschließenden Friedensverhandlungen eingenommen 
werden könnte. 
Z. Die Verlegung des Schwerpunktes der Kriegführung. 
Richt mit Anrecht hatte Reichskanzler von Bethmann Hollweg in 
seiner Antwort an General von Falkenhayn vom 30. Fuli auf die große 
Bedeutung hingewiesen, die der Gewinnung Bulgariens für die An- 
0 Vgl. hierzu Kronprinz Rupprecht von Bayern „Mein Kriegstagebuch" S. 368. 
Unter dem 24. Juni 1915 ist dort vermerkt: „Mittags sprach ich den General des 
Ingenieurkorps Mertens, der im Aufträge der O. H. L. die Westfront bereiste, um 
zu erkunden, in welcher Weise eine Demarkationslinie für den Fall einer Waffenruhe 
gezogen werden müsst." — Im Gegensatz hierzu berichtet der frühere Bürooffizier 
der Operationsabteilung im deutschen Großen Hauptquartier, Major a. D. 
Dr. Mewes, daß General von Falkenhayn der Operationsabteilung gegenüber nichts 
davon habe verlauten kaffen, daß die erwähnte Stellung als etwaige Demarkations¬ 
linie in Aussicht genommen sei. (Schreiben an das Reichsarchiv vom 15. August 1931.)
	        

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