Full text: Die Operationen des Jahres 1915 ; [2]. Die Ereignisse im Westen im Frühjahr und Sommer, im Osten vom Frühjahr bis zum Jahresschluß (8. 1932)

272 Der Angriff des Oberbefehlshabers Ost gegen die russische Narew-Front. 
1. Der Einsatz südlich Iwangorod bedeutet einen unmittel¬ 
baren, aber nur frontalen Kräftezuwachs von drei Divisionen für die Haupt¬ 
entscheidung östlich der Weichsel. Die vierte Division müßte zur Ver¬ 
fügung des Oberbefehlshabers Ost bleiben, um allen Verhältnissen ge¬ 
wachsen zu sein, da es durchaus möglich ist, daß der Russe sich durch Kräfte¬ 
verschiebung noch zu einem Schlag gegen die 10. oder die Rjemen-Armee 
aufrafft. Rach Abgabe der drei Divisionen müßte das Ostheer untätig sein 
und könnte nur nachrücken, wo der Russe freiwillig vor ihm zurückgeht. 
2. Werden die Divisionen der Rjemen-Armee zugeführt, so 
werden hierdurch die 734: Infanterie- und 534 Kavallerie-Divisionen der 
Rjemen-Armee zur Offensive befähigt. Der tatsächliche offensive Kräfte¬ 
zuwachs ist für das verbündete Heer erheblich größer als bei einem Einsatz 
der drei Divisionen bei Iwangorod. Wenn auch scheinbar fern der Haupt- 
entscheidung, wird diese durch den Einsatz der Kräfte nördlich des Rjemen 
mehr beeinflußt werden wie durch die unmittelbare Zuführung. 
Die Verstärkung der Rjemen-Armee und ihre Offensive unter gleich¬ 
zeitigem Angriff auf Kotono erscheint deshalb als die wirksamste Betätigung 
des Ostheeres im Rahmen der Gesamtoperation." 
Mit dieser Denkschrift kam der Oberbefehlshaber O st auf 
die bereits am 20. Mai gemachten Vorschläge*) zurück. Cr dachte ebenso 
wie damals zunächst nur an mittelbare Unterstützung der Offensive des 
Generalfeldmarschalls von Mackensen durch einen taktischen Erfolg 
an der eigenen Front, nicht aber an eine große eigene Operation, die zum 
Zusammenwirken mit jener Offensive und damit schließlich zur Feldzugs¬ 
entscheidung gegen Rußland führen könnte. Zu solcher Zielsetzung reichten 
die Kräfte seines Erachtens nicht. Da nun die Aussichten für den 
taktischen Erfolg an der Stelle, wo die stärkste operative Wirkung zu 
erwarten stand, bei Osowiec, wenig günstig waren, trat er für den Angriff 
bei Kotono und nördlich ein, der „an anderer Stelle der Gesamtfront eine Ent¬ 
lastung" bringen sollte. Rur wenn die Wegnahme der starken FestungKowno 
gelang, erhoffte er „in weiterer Folge einen großen strategischen Erfolg""). 
0 S. 122. 
2) Ähnlich heißt es bei Ludendorff, Erinnerungen, S. 114: „War Kowno, der 
Eckpfeiler der russischen Rjemen-Verteidigung, gefallen, so war der Weg auf Wilna 
und in den Rücken der Hauptkräfte des russischen Heeres geöffnet. Cs mußte darauf¬ 
hin einen gewaltigen Sprung nach rückwärts ausführen. Konnten die Rjemen- und 
10. Armee auch nur geringe Verstärkungen rechtzeitig erhalten und mit Kolonnen 
und Trains reichhaltig ausgestattet werden, so war zu hoffen, diesen Sprung derart 
von Norden über Wilna in die Flanke zu fasten, daß der Sommerfeldzug 1915 mit 
einer entscheidenden Einbuße des russischen Heeres endigen würde."
	        

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