22. August: Schwierige Lage der 2. Garde-Znfanterie-Division. ZHI
Mitten in die Rückzugsbewegung der 4. Garde-Infanterie-Brigade
hinein kam indes plötzlich ein Gegenbefehl. Den der Brücke zustrebenden
Kolonnen tönte der Ruf entgegen: „Es wird nicht zurückgegangen. Alles
wieder die alten Stellungen einnehmen." General v. Gontard griff
diesen ihm freilich niemals ordnungsmäßig zugegangenen Befehl mit
Freuden auf. Die Batterien des 4. Garde-Feldartillerie-Regiments
machten auf der Dorsstraße kehrt und gingen wieder südlich Auvelais
in ihre alten Stellungen. Auch die Infanterie wurde, soweit sie ihre
Stellung überhaupt schon geräumt hatte, freilich nicht ohne Verluste, gegen
Mittag wieder vorgeführt. Dank der vortrefflichen Haltung der Truppe,
die sich als festgefügtes, selbst in der schwierigsten Lage nicht versagendes
Werkzeug der Führung bewährte, war eine Krise glücklich überwunden,
die leicht sehr üble Folgen hätte haben können. Der Anlaß zu ihr lag
m Reibungen bei den oberen Befehlsstellen.
Der Kommandierende General des Gardekorps hatte außer der an
das Armee-Oberkommando 2 sofort weitergegebenen Fliegermeldung ^)
über die starke Belegung der Gegend nordöstlich Philippeville zwischen 9°
und 10° vormittags noch die im wesentlichen zutreffende Fliegermeldung
erhalte,:, daß starke französische Kräfte — die Meldung sprach von drei
feindlichen Kolonnen — aus der Richtung Mettet—St. Gsrard (nordöstlich
davon) gegen die Sambre vorgingen. Er entschied auf Vortrag seines
Generalstabschefs, des Oberstleutnants Grasen v. der Schulenburg, daß
die südlich Auvelais rechts und links an den Fluß angelehnte 4. Garde-
Fnfanterie-Brigade trotz der großen feindlichen Überlegenheit, vor allem
mit Rücksicht auf das X. Armeekorps, ihre Stellung halten müßte, zumal
da um diese Zeit auch der von den Franzosen inzwischen geräumte Über¬
gang von Iemeppe vom Elisabeth-Regiment besetzt worden war. Als dann
aber kurz daraus neue, immer heftigere Angriffe der Franzosen gegen die
schwache Besatzung des Brückenkopfes von Auvelais erfolgten, wurde Gene¬
ral v. Plettenberg schwankend und änderte seinen Entschluß. Gegen 10° vor¬
mittags telephonierte er, ohne Wissen des Chefs des Stabes, persönlich dem
Kommandeur der 2. Garde-Infanterie-Division: „Nehmen Sie sofort alles
auf das Nordufer der Sambre zurück." Doch bald verschob sich das Bild
der Lage für das Generalkommando wieder durch eine um IO40 vor¬
mittags eintreffende Fliegermeldung, nach der der anrückende Feind in der
Hauptsache nur aus Kavallerie bestehen sollte2). Nun wurde der Rückzugs¬
befehl unverzüglich widerrufen und die 2. Garde-Infanterie-Division
verständigt, daß sich der Anmarsch mehrerer feindlicher Divisionen
355. — 2) Diese Meldung ist anscheinend nicht an das Armee-Oberkommando 2
weitergegeben worden.