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auf starke, überlegene Kräfte gegen die russische 4. Armee (vgl. meinen
Aufsatz „Schlieffen in Galicien 1914" in „Deutsche Wehr", Jahrgang
1928) oder gegen die russische 3. Armee zu versammeln und so entweder
bei Lublin oder bei Lemberg einen entscheidenden Sieg zu erringen.
Aber dazu war es notwendig, bei Zeiten und mit aller Entschiedenheit
die k. u„ k. 4. Armee zur Beendigung der von ihr beschlossenen Unter¬
nehmung sowohl auf dem rechten wie auch auf dem linken Flügel an¬
sehnlich zu verstärken. Auf dem linken Flügel war diese Verstärkung
durchführbar, wenn man der 4. Armee das k. u. k. 10, Korps unterstellte,
wenn auch nur in der Stärke der beiden Divisionen auf seinem rechten
Flügel. Es ist kein Zweifel, meint Golowin, daß gleichzeitig damit die
k. u. k. 1. Armee keinen entscheidenden Angriff auf Lublin zu führen
imstande war. Die Versammlung überlegener Kräfte auf dem Schlacht¬
feld der Entscheidung hänge aber mit dem Haushalten der Kräfte auf
den anderen Schlachtfeldern des Kriegsschauplatzes zusammen. Die
Größe der Schaffenskraft großer Feldherren tritt dadurch besonders
deutlich hervor in der Entschlossenheit, mit der sie das Haushalten mit
den Kräften in die Wirklichkeit umsetzen. Aber die Schwierigkeit dieser
Entschlossenheit, meint Golowin, führt dazu, daß die großen Feldherren
überaus selten sind. Die gewöhnlichen und auch veranlagten Heerführer
sind nicht imstande, eine ähnliche Entschlossenheit in dem vollen Maße
an den Tag zu legen, wie sie die Kunst der Heerführung braucht. So
stand es um diese Zeit des galizischen Sommerfeldzuges auch mit dem
General v. Conrad, erklärt Golowin. Er konnte sich nicht entschließen
— wirft ihm Golowin vor — bei der östlichen Heeresgruppe auf einmal
Lemberg zu räumen und auf Rechnung des Rückzuges der k. u. k. 3. Ar¬
mee den rechten Flügel seiner 4. Armee zu verstärken. Er vermochte sich
nicht zu entschließen zuzugeben, daß nördlich des Tanewwaldgebietes
seit dem 28. August die Hauptoperationslinie in der Richtung Cholm
laufe. Die Folge davon war, daß der Feldzug zwischen Weichsel und
Bug auseinanderflatterte in zwei Operationslinien: die eine auf Lublin,
die andere auf Cholm.
General Golowin untersucht nun die Gründe für das Verhalten des
Generals v. Conrad. Vielleicht war der Grund, warum General v. Conrad
die k. u. k. 4. Armee nicht verstärkte, die Überzeugung, daß General v.
Auffenberg auch so gegenüber der russischen S.Armee aufkommen
werde. Dies wäre wieder die alte Unterschätzung der russischen Truppen
durch General v. Conrad. Aber es gäbe einen Beweis dafür. General v.
Conrad schreibt, er habe erwartet, die k. u. k. 4. Armee werde in breiter