Italien bleibt vorläufig sich selbst überlassen
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nach der unmittelbar bevorstehenden Flandernoffensive, deren Ausklang
seiner Ansicht nach nicht vor Ende November zu erwarten war. Sonnino
berichtete über das unmittelbare Bevorstehen einer neuen Isonzooffen-
sive, die jedoch wegen des Mangels an Kampfmitteln nicht entscheidend
sein werde. Lloyd-George sprach sich neuerlich für den Einsatz briti¬
scher und französischer Streitkräfte inVenetien aus. Gen. nob. Albricci
als Vertreter Cadornas erklärte, daß als äußerste Frist für eine solche
gemeinsame Offensive auf dem italienischen Kriegstheater nur die letzten
Augusttage in Betracht kämen. Wäre diese Offensive bis dahin nicht
durchzuführen, dann müsse man sich bis Mitte Mai 1918 bescheiden.
Die Regierungschefs luden die Generalstäbe ein, die Vorbereitungen
für einen Frühjahrsangriff in Venetien zu treffen. Foch und Robertson
beschlossen die Beistellung von je fünf Divisionen und 200 Geschützen
durch jedes der beiden Heere. In einem Schreiben vom 21. August, als
die Italiener bereits zum elften Male die Isonzofront berannten, kam
Foch dem Gen. Cadorna gegenüber auf diese Abmachung zurück, wo¬
bei er betonte, daß die beiden Italien zugedachten Armeen der Alliierten
unter den Oberbefehl der italienischen Heeresleitung treten würden.
Mit diesen Zusicherungen stellten die Westmächte ihrem italieni¬
schen Bundesgenossen einen Wechsel auf die Zukunft aus, der aller¬
dings ganz anders, als geplant, eingelöst werden sollte.
Inzwischen hatte in den blutgetränkten Ebenen Flanderns „die
hunderttägige Schlacht" begonnen, deren Schrecken und Leiden die von
Verdun und der Somme noch überbieten sollten. Eingeleitet wurde sie
am 22. Juli durch ununterbrochenes Feuer aus 2300 Geschützen, das
sich am 31. früh zu erdbebenartiger Kraft steigerte. Dann brachen
um 6h50 auf einer 40 Kilometer breiten Front beiderseits von Ypern
von zwei britischen und einer französischen Armee zunächst 15 Divisio¬
nen (14 britische, 1 französische) gegen drei deutsche Korps vor. Nach
drei Tagen waren an einigen Stellen die Verteidiger etwas zurück¬
gedrängt, dann war die Wucht des Ansturmes gebrochen. Nachdem am
15. an einem anderen Teile der Front, bei Arras, vier kanadischen Di¬
visionen ein kleiner Einbruch gelungen war, folgten am 16. und am
22. August neue Großkampftage in Flandern1). Aber deutsche Tapfer¬
keit und das neue Abwehr ver fahr en versagten auch diesmal nicht. Als
Ende August die erste Phase der Flandernschlacht ihrem Ende ent¬
gegenging, hatten die Engländer auf 20 km Frontbreite unter gewal¬
tigsten Opfern einen Raumgewinn von anderthalb Wegstunden erzielt.
*) Mont gelas in der Propyläen-Weltgeschichte, X (Berlin 1933), 427 f.