Zersetzung des Nord- und Westheeres der Russen
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Der Mißerfolg der Russen offensive auf Wilna
Nördlich vom Pripiatj hatten Kerenski und Brussilow die für an¬
fangs Juli geplante Offensive über Wilna auf Kowno (S. 222) erst zu
entfesseln vermocht, als der große Angriff auf Lemberg bereits zu¬
sammengebrochen war. Der neue Oberbefehlshaber der Westfront, Gen.
Denikin, hatte sich entschlossen., mit dem rechten Flügel der 10.Armee
aus dem Räume von M ol o di e czno über Smorgon vorzustoßen. Die nörd¬
lich davon befindliche 3. Armee sollte diesen Angriff unterstützen, die
2. Armee nach Maßgabe des Vormarsches der 10. Armee in der Rich¬
tung auf Slonim vorgehen. Als Reserven für den Schlag über Smorgon
wurden zwei Korps, das X. und das XX., im Räume von Molodieczno
versammelt. Zugleich mit dem Angriffe Denikins hatte auch der neue
Oberbefehlshaber der Nordfront, Gen. Klembowski, mit dem linken
Flügel seiner 5. Armee die Offensive über Dünaburg in der Richtung
auf Wilna zu eröffnen, während der rechte Flügel dieser Armee aus
dem Brückenkopf von Jakobstadt heraus einen Hilfsangriff führen sollte.
Der demoralisierten 12. Armee an der Rigaer Front konnte nur die Auf¬
gabe zugedacht werden, den Gegner durch Störungsfeuer der Artillerie
zu beunruhigen und seine Kräfte zu binden1).
Der in Verbindung mit der Offensive in Ostgalizien beabsichtigte
Angriff gegen die deutschen Wehrstelhingen nördlich vom Pripiatj
mußte aber, weil die Truppen nicht angreifen wollten, hinausgeschoben
werden (S. 224). An der Nordfront befand sich die 12. Armee in einem
Zustand der Auflösung. Auch die Divisionen der 5. Armee waren nicht
in der Verfassung, einen wuchtigen Schlag zu führen. An der Westfront
gelang es wohl durch außerordentliche Anstrengungen der Kommando¬
stäbe, die 10. Armee schließlich in die Ausgangsstellung für den An¬
griff zu bringen; jedoch in welcher moralischen Verfassung waren ihre
Truppen! Ein großer Teil weigerte sich von Haus aus, in den Kampf
zu ziehen. Eines der drei Korps dieser Armee, die den entscheidenden
Schlag zu führen hatten, marschierte auf, das zweite zögerte durch zwei
bis drei Wochen, und das dritte Korps war überhaupt nicht dazu zu
bewegen, in die Ausgangsstellung zu gehen2).
Nach vielfachen Verzögerungen hatte der Höchtkommandierende
die Offensive für die Nordfront auf den 22. und für die Westfront
^ 2 a j o n t s c h k o w s k i j, Feldzug 1917, 76.
2) Spannocchi, 122.