Ernst Jünger — Das Antlitz des Weltkrieges
wozu ihn sein nachahmungswürdiger nationaler Fanatismus befähigte. Wo ein
von uns angegriffenes Grabensystem von Franzosen verteidigt wurde, kam es zu
erbitterten Nahkämpfen, ja Vajonettkämpfen. Im Gegensatze zu den vortreff,
lichen Vewegungskriegern des Angriffs wie der Verteidigung: dem Franzosen
und dem Rüsten — war der beste Stellungskrieger unter unseren Gegnern der
Engländer, der große, nüchterne Meister und Meisterer der Materie — nicht
Fanatiker wie der Franzose, nicht listiger Manövrierer wie der Ruste, sondern
Sportsman und streng sachlicher Fachmann (und nach Möglichkeit dabei noch
Gentleman). Den englischen Soldaten zeichnete seine oft geradezu sture Kalt¬
blütigkeit aus. Ich habe — selbst im Vor- oder Zurückgehen den Tommy selten
laufen, selten sich hinwerfen gesehen; er liebte es: fast gemächlich aufrecht zu
gehen — noch im Feuer. Im April 1917 erlebte ich es, als wir dem sich auf
Monchy zurückziehenden Tommy auf zweihundert bis dreihundert Meter folgten:
im Vorwärtsgehen legten wir an, schosten, gingen weiter — ruhig, sachlich! —
Aber ebenso ruhig und sachlich — wie es maschinenmäßiger nicht auf dem Exerzier-
Platze hätte vor sich gehen können, ging der Tommy zurück, lief nicht, sondern
ging, drehte sich ab und zu im Gehen um, legte an, schoß und — ging weiter.
Ich höre noch wie heute den begeisterten Zuruf eines bayerischen Artillerie-
Hauptmanns: „Kinder, das ist ja wie auf dem Exerzierplätze!" Hier war nichts
von Vluts feind zu spüren — und die Front lachte wohl auch im stillen über
das irgendwo weit hinten am Stammtisch erfundene „Gott strafe England!" —
hier war nur der beispiellos sachliche Kriegs g e g n e r. Als ein weiteres Bei¬
spiel seines aufreizend sturen Heroismus (aufreizend durch die innewohnende
Nüchternheit, ja Lässigkeit, da war nichts von Bravour!) — war das so oft
beobachtete Ablösen der vordersten Sappenposten über Deckung — fünfzig Meter
vom Feinde ab, und einzig, um den kleinen Amweg durch den zur Sappe führenden
Graben zu sparen. Immer wieder ergingen strenge Befehle an unsere Leute, dem
Tommy diese „Dickfelligkeit" auszutreiben und unter allen Amständen zu schießen
— aber diese Befehle wurden einfach ignoriert. Die Mutleistung des Gegners
nötigte unseren Leuten einzig Respekt ab — sie schosten nicht nur nicht, sondern
ahmten das soldatisch ebenso bewunderungs- wie verurteilenswürdige Beispiel des
Gegners nach, bis schließlich einmal ein im vordersten Graben anwesender höherer
Offizier — mit den heimlich existierenden Sondergesetzen der Front nicht so ver¬
traut oder sie absichtlich ignorierend — solch einen verwegenen Burschen abschoß,
was dann meist Tote auf beiden Seiten zur Folge hatte (unter denen sich der
den Gesetzen der Front nicht unterworfene höhere Offizier dann allerdings nicht
befand). Welch ein Anterschied zwischen dem deutschen, dem französischen und
dem englischen Soldaten: der Deutsche — geneigt, andere zu bewundern und
die eigene Tugend gar nicht zu sehen, die in eherner Selbstbeherrschung und
Pflichterfüllung bestand, ahmt das kaltblütige Vorbild nach, wiewohl seine
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