Full text: Geschichte des Steirischen K. u. K. Infanterie-Regimentes Nr. 27 Band II (II. / 1937)

Nach dem Auszuge der Feld-formationen war das Ersatzbataillon sich selbst 
überlassen. Es war die zeitliche Wende in seinem Entwicklungsgänge. 
Anfänglich standen die mindertauglichen Ersatzreservisten, die Rekruten des 
Einrückungsjahres 1914, Mindertaugliche und Kranke nebst einer nicht allzu 
großen Zahl von Unteroffizieren und gedienter Mannschaft in den Reihen des 
Ersatzbataillons. Die Aufstellung eines II. Marschbataillons wurde vorbereitet, das 
am 3. September 1914 von Graz abging. Ende August wurde nach dem Einrücken 
der Rekruten und Ersatzreservisten der Frühjahrsassentierung an die Errichtung 
des IV. Marschbataillons1 zu sechs Kompagnien geschritten, dessen Ausbildung schon 
von Grund aus nötig war. Im Oktober 1914 begann die Musterung des sogenannten 
ungedienten Landsturms, der 19- und 20jährigen, die überhaupt noch vor keiner 
Stellungskommission gestanden waren, dann der älteren Jahrgänge bis zum 
45. Lebensjahre, die seinerzeit bei der Assentierung als untauglich zurückgewiesen 
worden waren. 
Hochbetrieb trat beim Ersatzkörper ein, und an den Kommandanten, Obstlt. d. R. 
Konstantin Slubczakowski, und dessen Adjutanten, Oblt. d. R. Engelbert Pistauer, 
traten die höchsten Anforderungen heran. Es fehlte allseits an Erfahrung, und es 
bedurfte starken Willens und vornehmlich rascher Anpassungsfähigkeit, um in der 
ersten Werdezeit das Hauptsächlichste zu meistern. 
Es zeigte sich, daß bei einem BerpflegsstaNde von etwa 6000 Mann schon die 
Bezeichnung „Ersatzbataillon" eigentlich irreführend war. Die nicht glücklich gewählte 
Benennung führte zu vielfach irrtümlichen Anschauungen über den eigentlichen 
Umfang des Dienstbetriebes und verleitete zuweilen zu falschen Disponievungen. 
Erst die Länge des Krieges hob das Ansehen des Evsatzkörpers, und jeder wies ihm 
mit der Zeit eine dem Feldregimente ebenbürtige Rolle zu. Der Ersatzkörper wurde 
zur Wurzel des am Feinde stehenden Feldregimentes, er war die kraftspendende 
Quelle, er wurde zur Sammelstätte der Frontkämpfer in der bodenständigen 
Heimat. Jeder einzelne der Zehntausende von 27ern passierte wohl einmal die 
Grazer Kraftstation. Dem immerwährenden Gehen und Kommen mußten sich die 
militärischen, militär-administrativen und militär-ökonomischen Dienststellen in 
kurzer Zeit anpassen. Sie verfügten nur über unzureichende, bescheidene Mittel, für 
sie galt es von allem Anbeginne an, mit wenig Aufwand vieles zu leisten. 
AIs Hauptausgabe war dem Ersatzkörper die Ausbildung, Bekleidung und Aus¬ 
rüstung der Marschformationen vorgezeichnet. Die Ausbildung litt unter dem 
Mangel an vorgebildeten Instruktoren. Der allgemeine grundlegende Fehler, alles 
Beste bei der Mobilisierung den Feldsormationen zu überlassen, rächte sich in den 
ersten Monaten bitter. Richt jedem war es gegeben, militärischer Lehrmeister zu 
sein. Reue Angriffswaffen, neue Ängriffsmethoden brachten Erschwernisse. So war 
es nicht Wunder zu nehmen, wenn der erreichte Ausbildungsgrad der Ersätze 
Wünsche offen ließ. Größte Schwierigkeiten erwuchsen der Ausbildung durch den 
geradezu katastrophalen Mangel an Gewehren. Waren doch schon bei Kriegsbeginn 
Landsturmformationen des -ersten Aufgebotes, die in Rußland und in den Karpathen 
kämpften, nur mit den veralteten Werndlgewehren ausgerüstet. Bei einem Stande 
von 250 Mann verfügte eine Marschkompagnie nur über etwa 30 Gewehre. Wohl 
halfen sich die Marschkompagniekommandanten nach Möglichkeit gegenseitig aus — 
1 Die Ausstellung eines III. Marschbataillons entfiel. 
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