Full text: Geschichte des Steirischen K. u. K. Infanterie-Regimentes Nr. 27 Band II (II. / 1937)

Ungarns immer höher. Von alledem hatte die Entente volle Kenntnis, besonders 
aber von den inneren Nöten des Donaureiches durch den in ihre Hand geratenen 
schwarzen Stimmungsbericht des öst.-ung. Außenministers Grafen Czernin vom 
April 1917. Desgleichen wußten die Ententemächte von den in Bulgarien sich 
abspielenden wilden, auch auf das bulgarische Heer übertragenen Parteikämpsen 
und ebenso von den schweren Mißständen im türkischen Heere, das Ende 1917 nach 
dem Verluste von Jerusalem in seine letzte haltbare syrische Stellung am Jordan 
zurückgewichen war. 
Die seit allem Anbeginne schwache politische Zügelfühvung der Mittelmächte war 
den großen Ausgaben nicht gewachsen; sie wurde um so unsicherer, je mehr die 
Feindmächte durch rücksichtslose Entfaltung der Staatsgewalt die Kriegsmüdigkeit 
in ihren Reichen nach einer der schwersten Krisen des ganzen Krieges zu bannen 
wußten. Die Diplomatie der Mittelmächte hatte sich bis zum März 1918 als völlig 
machtlos erwiesen, irgendeine der bis dahin zutage getretenen Friedensmöglich¬ 
keiten — weder Wilsons Vermittlungsprojekt vom Jänner, noch die russische 
Revolution vom März, noch die deutsche Friedensresolution vom Juli, noch den 
Papstschritt vom August des Jahres 1917 — zu einem irgendwie brauchbaren 
Ergebnis zu führen. 
Die Entente hatte die ihr von Lenins und Trotzkis Herrschaft drohende Gefahr 
erkannt. Zwei Persönlichkeiten, die den Willen der Nation verkörperten und von 
denen der weltbestimmende Einfluß der Gewalt ausging — der britische Premier¬ 
minister Lloyd George und Frankreichs neuer Diktator, der 76jährige tatkräftige 
Georges Clemenceau, der am 20. November 1917 die Tribüne der Kammer bestieg 
und erklärte, sein Regierungsprogramm laute: „Krieg, nichts als Krieg!" —, 
hatten sich mit Präsident Wilson sowie mit dem italienischen Ministerpräsidenten 
Orlando zu dem unerschütterlichen Entschlüsse verbunden, auch im Kriegsjahre 1918 
bis zur Niederzwingung Deutschlands und seiner Verbündeten, bis zur Erreichung 
der Ententekriegsziele weiterzukämpfen. 
In Brest-Litowsk begann am 9. Jänner 1918 der wochenlang währende Rede- 
Kampf. Immer deutlicher zeigte es sich, daß Trotzki „zum Fenster hinaus" sprach 
und die Wirkung seiner Reden durch verhetzende Funksprüche „An alle" zu 
erhöhen trachtete. Inzwischen wurde am 9. Februar mit der Ukraine, der Korn¬ 
kammer Rußlands, ein Sonderfriede abgeschlossen. Zur größten Überraschung des 
Kongresses verkündete Trotzki am 10. Februar, daß er keinen Friedensvertrag 
unterschreibe. Aber für Sowjetrußland sei der Krieg zu Ende, die russischen 
Soldaten würden in ihre Werkstätten, auf ihre Felder zurückkehren. 
In dieser kritischen Lage entschied sich Kaiser Wilhelm für den Entschluß 
der DOHL. zur Fortsetzung der Feindseligkeiten. Am 18. Februar 1918 flammte 
an der Ostfront der Krieg neuerlich auf. Ausschlaggebend für den erneuten Vor¬ 
marsch war die Notwendigkeit, Rußland zum Frieden zu zwingen und die Aus¬ 
nutzung der Ukraine für die Mittelmächte für das Jahr 1918 sicherzustellen. In 
breiter Front unter ausgiebiger Benutzung der Eisenbahnen drangen die beiden 
Heeresgruppen Linsingen und Eichhorn rasch vorwärts. In wenigen Tagen waren 
Livland, Estland und ein großer Teil Wolhyniens ohne nennenswerten Widerstand 
besetzt. Schon am 20. Februar kündete ein Funkspruch an, daß die Russen zum 
Abschlüsse des Friedensvertrages bereit seien *. 
1 o. Kühl, Weltkrieg 1914/18, II., 245. 
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