Full text: Geschichte des Steirischen K. u. K. Infanterie-Regimentes Nr. 27 Band II (II. / 1937)

von den Ententemächten belagerten Festung der Mittelmächte war nahegerückt. Diese Gefahr 
konnte nur durch einen an der Isonzofront erfolgenden großen Gegenangriff gebannt werden. 
In operativer Hinsicht stand man wie immer vor der Kardinalfrage, ob der Angriff am 
Isonzo oder in Tirol durchzuführen sei. Der Gedanke, an beiden Stellen, von Osten und 
von Norden, zugleich anzugreifen, mußte von vornherein ausgeschaltet werden, da die Kräfte 
selbst mit einer wesentlichen deutschen Unterstützung bei weitem nicht ausgereicht hätten. In 
Anbetracht der Aufstellung des italienischen Heeres in Venetien, mit den Hauptkräften am 
Isonzo, erschien der Stoß aus Tirol westlich der Brenta in Flanke und Rücken der Italiener 
verlockend. Eine wirksamere Richtung war nicht denkbar, sie konnte zu einer entscheidenden 
Operation führen. Bereits Ende Juli 1917 war ein Entwurf hiezu im Generalstabe der 
öst.-ung. Heeresleitung gemacht worden, aber jetzt erwies er sich als undurchführbar. Ganz 
abgesehen davon, daß starke Kräfte hiezu erforderlich gewesen wären, reichte auch die Zeit 
nicht mehr aus, um vor dem Winter die Operation durchzuführen. Die umfangreichen Vor¬ 
bereitungen hätten bei der geringen Leistungsfähigkeit der verfügbaren Bahnen Monate 
erfordert. Weniger in die Augen springend, aber voraussichtlich leichter und mit geringeren 
Kräften ausführbar erschien ein Angriff vom oberen Isonzo her, aus der Gegend von 
Tolmein—Flitsch. Die Vorbereitungen hiezu ließen sich in kürzerer Zeit treffen; auch konnte 
man hoffen, hier auf eine schwache Stelle der italienischen Front, vielleicht sogar über¬ 
raschend, zu stoßen. Gelang es, das Gebirge schnell zu überwinden, dann war der Weg auf 
Cividale—Udine in die venetianische Ebene geöffnet. Durch diese Richtung bot sich die Aus¬ 
sicht, den rechten italienischen Flügel bis zur Adria aufzurollen und womöglich die am unteren 
Isonzo stehenden italienischen Heeresteile abzuschneiden1. 
Die Zeit drängt. Der Chef des k. u. k. Generalstabes, G. d. I. Baron Arz, weiß Kaiser 
Karl von dem nötigen Verzicht auf alle Prestigefragen zu überzeugen. Am 29. August trug 
der Chef der Operationsabteilung, GM. Frh. v. Waldstätten, in Kreuznach, dem Standorte 
der deutschen obersten Heeresleitung, den Operationsplan vor und erklärte dreizehn Divisionen 
für die Offensive nötig, welche die Befreiung aus den Karststeinwüsten und den Eintritt 
in die Ebene bringen sollte. Bereits am 2. September erscheint zur Erkundung der Grund¬ 
lagen des geplanten Angriffes der spätere Generalstabschef der 14. Armee, GLt. Krafft 
v. Dellmensingen, in Adelsberg, dem Hauptquartiere des GO. Boroevic. Am 8. September 
wurden die unter dem vielsagenden Decknamen „Waffentreue" geführten Vereinbarungen in 
Kreuznach abgeschlossen. 
Die für die Offensive nötigen frischen Kräfte mußten den anderen Fronten entnommen 
werden. Nach der „Kerenskioffensive" hatte der glänzende Gegenstoß der Mittelmächte auf 
Tarnopol im Juli und anfangs August fast ganz Galizien und die Bukowina von den Russen 
befreit. Das Schicksal des russischen Heeres war entschieden. Auch die Eroberung von Riga 
und der baltischen Inseln durch den deutschen Waffenbruder im September und Oktober 
trotz der seit Ende Juni tobenden Flandernschlacht nahm dem russischen Heere den letzten 
Rest der Widerstandskraft. Die deutsche oberste Heeresleitung verfügte über eine Stoßgruppe 
von sieben Divisionen. Sie sollten am oberen Isonzo zum Einsätze gelangen, wobei Gen. Luden¬ 
dorff von vornherein keinen Zweifel darüber ließ, daß die deutschen Divisionen nur eine 
beschränkte Zeit hindurch für die Operation gegen Italien zur Verfügung gestellt werden 
könnten. Diese sieben deutschen Divisionen, darunter das Alpenkorps und eine oberschlesische 
Iägerdivision, sollten im Vereine mit sechs öst.-ung. Divisionen die deutsche 14. Armee unter 
dem Oberbefehle des kampferprobten deutschen G. d. I. Otto v. Below bilden und am rechten 
Flügel der Heeresgruppe Boroevie (1. und 2. Jsonzoarmee) im Raume Tolmein—Flitsch aus¬ 
marschieren. 
Ein weites Ziel wurde dem Angriffe nicht gesteckt. Die öst.-ung. Heeresleitung hoffte 
bis Cividale und, falls es gut ginge, vielleicht bis zum Tagliamento zu kommen. Die Gedanken 
des Oberkommandos der 14. Armee schweiften aber von vornherein erheblich weiter 2. 
Der Eisenbahnaufmarsch fand in den Tälern der Drau und Save im Raume Villach— 
Klagenfurt—Laibach statt und war am 10. Oktober beendet. Schon die Vorbereitungen zur 
Durchbruchsschlacht beanspruchten die Angrisfstruppe in ungeheurem Ausmaße. Tatfreudig und 
opferbereit wetteifert die alte Armee mit den deutschen Waffenbrüdern und schafft in wenigen 
Wochen das gigantische Werk. Möglichst spät, vom 16. Oktober an, begann der Vormarsch 
durch das Gebirge in die Bereitstellungen zum Angriffe. Die größtenteils in den Nächten 
auf schmalen Gebirgsstraßen vor sich gehenden Märsche werden infolge des andauernd elenden 
Wetters zu einer Marter sondergleichen. Aber die Erinnerung an das neunundzwanzig Monate 
währende Kämpfen und Leiden in den Karstwüsten läßt alle unsagbaren Plagen vergessen. 
1 G. d. I. a. D. Hermann v. Kühl, Der Weltkrieg 1914/18, II., 194, 195. 
* v. Kühl, Der Weltkrieg 1914/18, II., 199. 
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