Full text: Geschichte des Steirischen K. u. K. Infanterie-Regimentes Nr. 27 Band II (II. / 1937)

Das Beziehen der Dauerstellung und das Nachstoßen 
der Italiener 
(24. bis 30. Iuni 1916) 
Skizzen 10, 11 
An demselben 24. Juni, an dem auf Falkenhayns Befehl die Blutpumpe vor 
Verdun ihre unheilvolle Arbeit einschränkte, am selben 24. Juni, an dem der sechs 
Tage wütende Feuersturm den Großangriff an der Somme einleitete, begann die 
Zurücknahme der Front der Südtiroler Heeresgruppe. 
Der Moskowiteransturm bei Luck und in Ostgalizien hatte die entscheidungs¬ 
volle Wendung gebracht. Mancher fragte sich aber schon dazumal — unter den Ein¬ 
drücken des immer langsameren Tempos der Offensive stehend —, ob diese nicht 
schon vor Ausbruch der Krise im fernen Nordosten oder überhaupt unabhängig von 
ihr den Höhepunkt erreicht hatte. 
„Wirft man", so urteilt das Archivwerk, „einen Blick auf die Ursachen, die auf der Wal¬ 
statt selbst zu den verschiedenen Enttäuschungen oder Rückschlägen führten, so ist für die 
Südtiroler Offensive vor allem daran zu erinnern, daß sich die Truppe in den Kämpfen des 
Jahres 1915 vor allem, und zwar grundsätzlich richtigerweise, daran gewöhnt hatte, die Haupt¬ 
vorbedingung für den Erfolg eines Angriffes in entsprechend gründlicher Artilleriewirkung 
gegen den'Verteidiger zu erblicken. Die Sorge, daß die eigene Artillerie zu weit zurückbleiben 
könnte, nahm dem Vorgehen manchen Schwung, der sonst durchaus dem Temperament der 
Kämpfer entsprochen hätte. Dazu kam die durchaus menschliche, aber zu Zeiten falsch 
angewandte Parole, Verluste um jeden Preis zu vermeiden. Beides verleitete die Führung 
zu einer Methodik, die die Ausnützung der ersten, überaus glänzenden Erfolge beeinträchtigte. 
Hätte der Angreifer seinen Druck in der Linie Arsiero—Asiago pausenlos fortzusetzen ver¬ 
mocht, dann hätte den feindlichen Feldherrn seine übrigens anerkennenswert große Fassung 
möglicherweise schon früher verlassen. Um die Monatswende betrachtete Cadorna die Krise 
wohl zum erheblichsten Teile für überwunden, und die am 1. Juni einlangende Nachricht, 
daß die Hilfe des Zaren nicht vergeblich angerufen worden sei, tat ein übriges, den schon 
stark gesunkenen Mut der Italiener zu heben. Sie behielten ihre dritte Stellung dank den 
herangeholten Verstärkungen fest in ihrer Hand... Jedenfalls war nun, da man früher oder 
später ans Anhalten denken mußte, jeder weitere Schritt, den die 11. und die 3. Armee 
noch nach Süden taten, nicht zu rechtfertigten. Es ist sogar fraglich, ob in diesem Augenblicke 
selbst das Gewinnen des Höhenrandes den Feind noch zum Verlassen seiner Isonzostellungen 
genötigt hätte. Gewisse Jdeengänge Cadornas über eine Manöverschlacht in der Ebene sprechen 
dagegen. Dafür hätte aber die öst.-ung. Aufstellung eine kräftefordernde, für die Abwehr 
ungünstige Linienführung erhalten, deren Behauptung auch wegen der schwierigen Nachschubs¬ 
verhältnisse nur dann gerechtfertigt gewesen wäre, wenn man an eine baldige Fortsetzung 
des Angriffes hätte denken können. Erkenntnisse dieser Art nötigten denn auch, nach dem 
Abbruch der Offensive eine Reihe schwer errungener Punkte zu räumen und die Armeen 
hinter die Posina und hinter die untere Assa zurückzuführen, um dort eine taktisch bessere 
und vor allem kräftesparende Stellung zu beziehen. 
Zähneknirschend, mit schwer verhaltenem Ingrimm, folgte die Truppe dieser Weisung 
der Führung. Sie war am Ende des zweiten Kriegsjahres mit ehrlichster Begeisterung zu 
dem schon durch Gelände und Klima außerordentlich schwierigen Kampfe angetreten und 
hatte geleistet, was überhaupt zu leisten war. Söhne aller Völker des großen Reiches hatten 
an den stolzen Erfolgen Anteil, ihnen voran die Deutschösterreicher aus den Alpenlanden, 
mit denen wie immer auch wieder Kämpfer aus Deutschböhmen im Streiten und Erdulden 
wetteiferten1 
Und so sollte denn am 24. Juni der Rückzug beginnen. Die Fünfzigjahrfeier der 
Schlacht von Custozza hatte man sich noch vor etlichen Wochen anders gedacht. 
In der Nacht aus den 25. Juni hatte die 11. Armee in die Hauptstellung 
Zugna Torta—Valmorbia—Pasubio—-C. del Coston—Posinalinie zurückzugehen. Die 
1 Österreich-Ungarns Letzter Krieg, IV., 723, 355, 356. 
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