Full text: Flandern 1917 [27] (Band 27/1928)

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ihrer Führung und ihrer Truppen so sehr den Vorgängen der Material- 
schlacht an, daß sie nicht einen einzigen Schritt über die Erreichung 
ihres eng gesteckten räumlichen Zieles hinausgegangen wären, so oft 
sich ihnen bei der zahlenmäßigen Schwäche der deutschen Verteidigung 
auch Gelegenheit dazu bot. Es wäre reizvoll, zu untersuchen, welche 
Möglichkeiten sich an solchen Großkampftagen der Materialschlacht um 
die kritische Mittagsstunde einer Truppe geboten hätten, die mit der 
Sturmgewalt der ersten Kriegstage, aber mit den Erfahrungen der drei 
Kriegsjahre vorgestoßen wäre. 
Aber es scheint ein psychologisches Grundgesetz zu sein, daß die lang 
andauernde Materialschlacht den offensiven Gedanken erstickt. Die 
Phantasie gelangt mit ihren Vorstellungen nicht über das Trichterfeld 
hinaus, ^n das der Mensch durch ein grausames Schicksal mit allen 
Fasern seines Denkens und Fühlens gebannt ist. Es ist wie ein dumpfer 
Zwang, der Angreifer und Verteidiger immer auf die wenigen zer- 
trommelten, mit Leichen angefüllten paar Quadratkilometer Raum hin- 
starren läßt, ohne die er nicht bestehen zu können glaubt, und deren 
Besitz ihm aller noch so großen Opfer wert erscheint. 
* 
Keine Schlacht des Krieges war so blutig wie die Flandernschlacht, 
wenn man Dauer der Schlacht und Breite des Angriffsabschnitts 
berücksichtigt. Neben der ungeheuren Massierung von Artillerie und der 
zeitlichen Ausdehnung des Vorbereitungsfeuers trug zu diesem Umstand 
besonders die neue Beweglichkeit der Abwehrtaktik bei, der sich die 
Angriffstaktik wohl oder übel anpassen mußte. 
Der erste Angriff erzeugt den Gegenstoß der Bereitschaften, der 
Gegenstoß prallt mit dem zweiten Angriff zusammen. Der zweite 
Angriff wird in mehreren Wellen geführt. Er trifft auf das Vorgehen 
der Stellungsreserven, über den zweiten Angriff geht der dritte hinweg, 
abermals in mehreren Wellen. Ihm begegnen die Sicherheitsbesatzungen 
in der Artillerieschutzstellung. Der vierte Angriff stößt gegen die zum 
Gegenstoß vorgehenden Kompagnien der vorgeschobenen Teile der Ein- 
greifdivisionen. Einen halben Tag geht es so in verzettelten Kämpfen 
hin und her. Schon sind die Verbände stark vermischt. Die Artillerie 
ist ohne genaue Kenntnis über dem Verlauf der vorderen Linie. Das 
rasende Abriegelungsfeuer des Angreifers allein ist der einzige Aus- 
druck einer straffen Organisation. Aber auch die angreifende Infanterie 
ist längst ohne Zusammenhang damit.
	        

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