Full text: Flandern 1917 [27] (Band 27/1928)

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Müller III richtet sich auf und tritt einen Schritt zurück. Sie sind 
allein im Bunker. 
„Hallo, mein Sohn . . . paß auf, diesmal ist das Ding geladen!" 
Er feuert einen krachenden Schuß gegen die Decke. 
„Hände hoch!" brüllt Müller III und hält die Waffe im Anschlag. 
„MI right," antwortet der lange Tommy und hebt seine Arme auf. 
Draußen lärmen die Handgranaten. 
„Nun aber los," Freundchen, diesmal soll Dir noch vergeben sein. 
Zum drittenmal aber ist es aus mit dem Spaßmachen, verstanden?" 
Müller fuchtelt dem Langen mit der Waffe unter der Nase. Dann 
läßt er ihn vorausgehen. 
* 
Sie brauchen zweieinhalb Stunden für den Weg zum Regiment, 
der in der Luftlinie kaum zweitausend Meter beträgt. Sie müssen zwei- 
mal durchs Sperrfeuer. 
Wohl zehnmal müssen sie in einem Trichter hocken bleiben, weil 
Müller iii nicht mehr kann. Das Blut läuft ihm aus dem Mund. Er 
ringt nach Luft, sein Gesicht ist wächsern, die Augen ganz groß. Die 
Wunde in der Brust beginnt wieder zu bluten. 
Der Tommy hat sich in sein Schicksal gefunden, seit er gesehen hat, 
daß alle englischen Angriffe in der Sicherungslinie abgeschlagen worden 
sind. Er ist mit Müllerin ganz gut Freund geworden. Er hilft ihm, 
den Verband in Ordnung bringen, stützt ihm den Oberkörper, wenn er 
nach Luft ringt. Und schließlich trägt er ihn beinahe. 
Endlich kommen sie zum Regimentsgefechtsstand. Müller III gibt 
seine Meldung ab und wird dann auf eine Tragbahre gelegt. Vorn trägt 
ein Sanitäter, hinten, an Müllers Kopfende, der lange Tommy. 
Müllerin ist in einem Zustand zwischen Bewußtsein und Fieber- 
phantasieen. Immerfort spricht er von daheim. Dann wieder summt 
er ein Liedchen vor sich hin. Wenn eine schwere Granate irgendwo in 
der Nähe einschlägt, lacht er laut und winkt mit der Hand: „Auf Wieder- 
sehen!" Seine Augen glänzen im Fieber, seine Hände zucken unaufhörlich. 
„Höre, mein Freund," wendet er sich an den Tommy, der ihm aus- 
merksam und respektvoll zuhört, „wenn Du einmal an den Rhein kommen 
solltest — verstehst Du? — dann mußt Du mich besuchen. Gleich neben 
der Kirche, das dritte Haus: Müller, Klempner und Installateur. Daß 
Du mir nicht vorbei gehst, mein Junge, hörst Du?" 
Der Tommy nickt eifrig, obwohl er natürlich kein Wort verstanden 
hat.
	        

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