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Damaskus erheblich weiter von Rajak entfernt und zwischen beiden
Punkten der Antilibanon zu überwinden war.
Auf der Rückfahrt von Zahle nach Rajak sollte ich übrigens er-
fahren, daß in diesem sonst paradiesisch gelegenen, von Milch und
Honig fließenden Stückchen Erde die persönliche Sicherheit noch recht
fraglich war. Hart am Wege lag ein eben von Räubern erschlagener
Mann, und man war dabei, ohne viel Aufhebens ihn einzugraben. Es
handelte sich eben um ein alltägliches Vorkommnis. Wenige Kilometer
weiter stattete ich einem deutschen Fliegeroffizier, Führer der dicht bei
Rajak liegenden Kampfstaffel, einen Krankenbesuch in seinem Zelte ab.
Er war so leichtsinnig gewesen, allein und nicht genügend bewaffnet
in die nahen Berge zu gehen. Hauptmann W. sah sich plötzlich zwei
Räubern gegenüber, die ihn schwer mißhandelten, bis auf das Hemd
beraubten und ihn hilflos, gebunden in der Schlucht liegen ließen. Nur
einem Zufall verdankte er fein Leben. In diesem Falle allerdings ge-
lang es schnell, der Banditen habhaft zu werden: bereits nach wenigen
Tagen wurden sie in Damaskus gehängt.
Der Morgen des 23. Oktober fand mich bereits im Antilibanon
auf der Weiterfahrt nach Damaskus, nachdem die Abfahrt von Rajak
eine unliebsame Verzögerung infolge Ablösung meines Wagenführers
erfahren hatte. Da dieser unzuverlässige Mann auf der Libanonfahrt
durch unverantwortlich leichtsinniges Steuern auf schwierigster Strecke
mich wiederholt dem Abstürzen nahegebracht hatte, ließ ich ihn in
Rajak ablösen. Die Antwort war heimliche schwere Sabotage des
Wagens, die auf offener Strecke im schwierigsten Berggelände zu einer
Panne führte, wider Erwarten aber keinen ernsteren Unfall zur Folge
hatte. Ich erwähne dieses an und für sich belanglose Ereignis, weil es,
ein Wetterleuchten des späteren inneren Zusammenbruches, kennzeich-
nend war für den Geist des sittlichen Zerfalles, der damals bereits, be-
sonders unter den Kraftfahrtruppen, umging und wie heimliches Gift
um sich fraß.
Die Paßstraße durch den Antilibanon, wieder der uralte Ver-
fehrsweg zwischen der phönizischen Küste und Babylonien—Indien,
befand sich in leidlichem Zustande und zeigte zur Zeit einen lebhaften
militärischen Karawanenverkehr. Zahlreiche berittene türkische Pa-
trouillen ließen erneut erkennen, wie es mit der persönlichen Sicherheit
bestellt war. Nach überschreiten der Paßhöhe werden die kahlen Felsen
allmählich grüner. Mehr und mehr vereinigen sich die kleinen Wasser-
rinnsale zu dem anfangs schmalen Barada-Bach, der aber schnell zur