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Unterschiede der Beköstigung nach Art der Krankheit fanden sich nur in
Spuren. Aber der kranke Askar, der, wenn er das irgendwie noch ver-
mag, mit untergeschlagenen Beinen auf seinem Bett sitzt und niemals-
den Gruß vor dem deutschen Arzt durch Anlegen der flachen Hand vor
die Stirn unterläßt, klagt nicht. Dabei fehlt dem türkischen Offizier und-
Arzt — Ausnahmen zugegeben — das wirkliche kameradschaftliche Mit-
gefühl mit den leidenden Untergebenen fast völlig. Man konnte Zeuge
sein, wie bei Räumung einzelner Lazarette der invalide einarmige
Askar den beinamputierten Kameraden den steilen Berg in Nazareth-
über Felsblöcke und Löcher in Regen und Kälte auf dem Rücken hinauf-
schleppte I Bor einem Fleckfieberlazarett fand ich am Eingang einen
alten türkischen Soldaten, der stumm und stumpf wie ein Totengräber
im Hamlet Reihen von Gräbern „auf Vorrat" aushob; die zugehenden
Kranken mußten diese Gräber überqueren, wenn sie in das Lazarett
hineinwollten, „Hu'sst es que 5a?" fragte ich den mich begleitenden leiten-
den Arzt. „Od, Yotre Excellence, ce n'est que du travail pour le-
jardin!" Eine echt türkische unverfrorene Antwort, die man nur mit den
Worten gleichmütig quittieren kann: „Allah! Hamd all ah!" „Gott weiß
es, sein Name sei gepriesen!" Man muß eben in der Türkei gute Miene
zum bösen Spiel machen, und wenn auch auf den scheußlichen Eindruck
hingewiesen wird, den diese vorbereiteten Gräber auf den von der Fronb
kommenden Verwundeten machen — alle Versuche, derartige Grausam-
keiten abzustellen, stoßen auf völlige Verständnislosigkeit. Dieser uns
so fremde Zug im türkischen Charakter mag mit seiner fatalistischen
Religionsanschauung zusammenhängen, die stets geneigt ist, alles Un-
angenehme und Mißliche der Vorsehung, Allah, vertrauensvoll an^
heimzugeben.
Die winterliche Regenzeit des Dezembers war in den Gebirgen-
Palästinas für größere militärische Unternehmungen im hohen Grade¬
ungünstig. Rur auf den Bergkämmen lag Schnee, in den zerrissenen
Tälern und Schluchten machten Morast und reißende Bäche den Nach¬
schub mittels Kraftwagen nahezu unmöglich, fo daß die Truppen fast
ausschließlich auf Tragetierverkehr angewiesen waren. Notwendig-
werdende Verschiebungen einzelner Truppenteile an die vom Feind ge-
sährdeten Stellen, besonders der Artillerie, stießen auf häufig unüber-
windbare Hindernisse, waren jedenfalls immer mit erheblichen Ver-
zögerungen verbunden.
Gleichwohl verlor der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe zunächst
das strategische Ziel der Wiedereroberung von Jerusalem nicht aus den