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den Völkern aussieht, wie ihre Bildung beschaffen ist, ob Aufklärung
and Humanität dort eine Stätte aufgeschlagen haben, wie regieret und
was für Gesetze gegeben werden, so braucht man blos auf die Juden
zu blicken. Es gibt Staaten, wo die Humanität unter Null steht —
ich brauche dieselben nicht zu nennen, sie sind heute in. dem Munde
von ganz Europa —, blicken sie dorthin und betrachten sie dort den
Juden, seine äußere Erscheinung, seine gedrückte Haltung, sein ganzes
verkümmertes Wesen, und Sie werden erkennen, daß nicht blos in
unseren Gegenden der Mai etwas kalt ist, sondern daß in jenen Ländern
nie ein Mai aufgegangen ist für wahre Bildung und für Civilisation!
Wie es in unserem Vaterlande aussieht, auch dafür sprechen die Juden.
Der große Fortschritt, der sich in Oesterreich vollzogen hat, die allge—
meine Gleichstellung, welche alle Religionen und Nationalitäten um—
cchlingt, sie werden am besten dokumentirt durch die Verhältnisse der
Juden in unserem Staate.
Ich habe aber in dem Wechsel der Witterung des heutigen
Tages auch ein lebhaftes Abbild der Geschicke der hiesigen Kultusge⸗
meinde gesehen. Als ich vor 16 Jahren hier war, habe ich — zum
erstenmal vielleicht seit Jahrhunderten in Oberösterreich — in der
Hauptstadt dieses Kronlandes das Judentum öffentlich vertreten,
allerdings nicht in einem Gotteshause, auch nicht in Mitten der Ge—
meinde, denn damals war es den Juden noch nicht gestattet, sich hier
niederzulassen, sie hatten kein Heimatsrecht, durften keine Gemeinde
bilden, man hatte vielmehr, wie es damals überhaupt in Oesterreich
zu geschehen pflegte, die Juden mit halbgeschlosseyen Augen angesehen.
Ich habe hier in dem Kaffeehause am Eck der großen Brücke, wo ich
eine Trauung vollzogen hatte, für unsere Glaubensgenossen gesprochen
and der Stadt ein Bild von den Juden entworfen welches durchaus
nicht den Vorurteilen entsprach, von welchen deren Bewohner erfüllt
waren. J
Ich kann mich erinnern, daß die Bewohner damals sehr freundlich
waren, daß sie mit der größten Bereitwilligkeit und Herzlichkeit uns
entgegenkamen; es waren sogar Vertreter der Stadtrepräsentanz und
der Polizei gegenwärtig und ich erinnere mich, daß ich damals meine
Glaubensgenossen bei der Polizei denunzirt habe, daß sie gegen das
Gesetz und gegen den Willen der Behörden in Linz sich niedergelassen
haben.
Der Boden dieser Stadt war also zu jeder Zeit ein guter, er
war zu jeder Zeit einpfänglich für die Saat der Bildung. Nun,
meine Geehrten! Sie wissen sehr gut, daß der beste Boden nicht im