Volltext: 192. Heft 1914/18 (192. Heft 1918)

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Die Abendmeldung. 
Von Hans Schipper. 
Der Bataillonsadjutant Leutnant B. hockt in seinem 
bombensicheren Unterstand und bemüht sich gerade, 
die Meldungen der vier Kompagnien in möglichst kurzer, 
alles Wichtige umfassender Form zu Papier zu bringen. 
Es soll die Abendmeldung des ersten Bataillons werden. 
Im Bataillonsabschnitt draußen war es wieder ein be- 
wegter Tag gewesen. Die feindliche Artillerie hatte an- 
dauernd gefunkt, die Infanterie des Gegners in den 
Sappen geschanzt, so daß die eigenen Minenwerfer öfter 
in Tätigkeit treten mußten. Die Meldungen der Kom- 
pagnien waren deshalb ziemlich umfangreich aus- 
gefallen. Es galt, viel zu streichen. Nur das für das Regi- 
ment Wichtige durfte aus den vier Meldungen in den 
Tagesbericht des Bataillons aufgenommen werden. 
Jetzt ist der Adjutant mit der Niederschrift der Meldung 
fertig. Schnell greift er zum Fernsprecher und ruft das 
Regiment an. 
„Hier Regiment!" meldet sich die Gegenstation. 
„Hier erstes Bataillon; die Abendmeldung!" 
„Bitte, kommen!" 
„Beim Feinde den ganzen Tag über lebhafte Tätig- 
keit. Er schanzte fleißig in seinen Sappen. Unsre leichten 
Minenwerfer störten diese Arbeit mit Erfolg. Feind- 
licher Fesselballon war die meiste Zeit oben. Zeitweilig 
erhielt der Bataillonsabschnitt leichtes Minenfeuer, das 
nur geringen Sachschaden anrichtete. Schäden wurden 
sofort ausgebessert. Tote und Verwundete keine. — 
Begleichung bitte!" 
Der Telephonist beim Regiment hat die Meldung 
wortgetreu niedergeschrieben und liest den ganzen Text 
zur Kontrolle dem Bataillonsadjutanten schnell vor. 
„Begleichung stimmt, Schluß!" 
Die Abendmeldung des ersten Bataillons ist beendet. 
Da ruft auch schon das zweite Bataillon an. Dessen Mel- 
dung gleicht fast der des ersten Bataillons. Nur hat in 
diesem Abschnitt das feindliche Artilleriefeuer Opfer ge- 
fordert. Ein Volltreffer durchschlug einen Mannschafts- 
unterstand, tötete drei und verletzte zwei Mann schwer. 
Sonst auch keine Veränderungen. 
Kurz vor fünf Uhr geht auch noch die Meldung des 
dritten Bätäillons ein, und der Regimentsadjutant geht 
rasch dabei, aus den drei eingegangenen Meldungen den 
Bericht des Regiments zu formen. Spätestens fünfein- 
halb Uhr will die Brigade Meldung von den beiden ihr 
zugeteilten Regimentern haben. Will durch wenige 
knappe Sätze von dem Verlaufe des Tages seit der 
Morgenmeldung Kenntnis erhalten. Will alles Be- 
merkenswerte genau erfahren, ohne jedoch mehr als 
sechs bis acht Zeilen dafür zu gewähren. Die Adjutanten 
krauen sich hinterm Ohr, und — die Minuten vergehen. 
Doch die große Übung hilft. Man wird mit der Zeit auch 
im kürzesten Stil Meister. Schließlich wird ja auch auf 
die Form der Meldung nichts, auf den Inhalt alles ge- 
geben. Also schnell die Gesamterlebnisse des Regiments 
zusammengefaßt und als Abendmeldung durch den Draht 
zur Brigade hinübergesprocksen. 
Regiments- und Brigadestab brauchen nicht dauernd 
im bombensicheren Unterstand zu Hausen. Sie wohnen, 
wenn auch noch in der Feuerzone, so doch nicht un- 
mittelbar an besonders gefährdeten Orten. Nur wenn 
es der feindlichen Artillerie mal einfällt, der Abwechslung 
halber die rückwärtigen Ortsunterkunften unter Feuer 
zu nehmen, müssen auch diese Stäbe irgendeinen bomben¬ 
sicheren Keller aufsuchen. Dies wird nun allerdings, 
falls es« tagelang hintereinander geschehen muß, sehr 
unangenehm, doch darf deswegen die Erledigung der 
laufenden Arbeiten keine Verzögerung erleiden. Am 
allerwenigsten darf wegen „so'n bischen Knallerei" die 
Abendmeldung unterbleiben. Eine höhere Instanz, die 
Division, will die Meldung zur festgesetzten Stunde in 
Händen haben. Der Unterschlupf im Keller hat daher 
auch einen Telephonanschluß erhalten. Mag oben der 
Feind seine Granaten ins Haus jagen; nnterm dicken 
Sandsteingewölbe im dumpfen Keller sitzt der Brigade- 
adjutant, nimmt die Meldungen der beiden Regimenter 
entgegen und gibt sie dann an den Divisionsstab weiter. 
Je weiter rückwärts die Meldung zu den höheren 
Stäben geht, um so größer wird der Frontabschnitt, über 
dessen Tätigkeit Bericht erstattet wird. Und um so länger 
müßten auch, vermeint man, die Ausführungen werden. 
Aber das Gegenteil ist der Fall. Was für die Brigade, 
vielleicht auch noch für die Division Wert hat, interessiert 
den Generalstab des Armeekorps schon weniger. Die 
kleineren Plänkeleien mit dem Feinde, die Ergreifung 
wirksamer Gegenmaßnahmen, Verbesserung der eigenen 
Stellungen und so weiter, bleibt eine Angelegenheit 
der unterstellten Stäbe. Der Generalstab gibt seine An- 
ordnung in großen Zügen; die Kleinarbeit ist Sache der 
unteren Abteilungen. Deshalb will auch der Generalstab 
nur einen ganz knappen Überblick über die allgemeine 
Lage haben, um daraus den Inhalt für die Abendmeldung 
des Korps schöpfen zu können. 
Eine Viertelstunde später erfährt das Armeeober- 
kommando, was sich tagsüber in dem Bereich der ein- 
zelnen Armeekorps abspielte. Von starkem Artillerie- 
oder Minenfeuer, von verhältnismäßiger Ruhe, von leb- 
hafter Tätigkeit des Feindes oder von großen Ver- 
stärkungen, vom Auftauchen neuer Truppenteile und der 
Abwehr feindlicher Angriffe, von eigenen Gegenstößen 
und deren Erfolg berichten die Armeekorps dem Armee- 
Oberkommando, so daß der Generalstab der Armee ein 
klares, übersichtliches Bild über den Verlauf des Tages 
gewinnt. Doch weiter noch muß die Abendmeldung 
wandern. Eine höhere Instanz, die höchste des gesamten 
deutschen Feldheeres, das Große Hauptquartier, wartet 
auf die Abendmeldung der einzelnen Armeen. Alle 
Fäden laufen beim Großen Generalstab zusammen. 
Der vorgeschobenste Lauschposten in Ost oder West 
ist durch den jede Entfernung überbrückenden Draht mit 
der Obersten Heeresleitung verbunden. 
Im Großen Hauptquartier laufen zur festgesetzten 
Zeit die Abendmeldungen sämtlicher Armeen ein. Doch 
auch damit findet die Wanderung der Meldung noch kein 
Ende. Nicht nur die Oberste Heeresleitung hat Interesse 
an den Berichten der Heere. In der Heimat wartet das 
deutsche Volk und mit ihm seine treuen Verbündeten 
und darüber hinaus die ganze Welt, die Feinde in- 
begriffen, auf die Veröffentlichungen der Obersten 
Heeresleitung. Von dieser werden daher in aller Eile 
die Meldungen zu einem kurzen, knappen Bericht im 
Telegrammstil vereint. Und diese Zusammenstellung 
wird dann an die Presseabteilung im Stellvertretenden 
Generalstab in Berlin weitergegeben. Um bei der Über- 
mittlung der kurzen, inhaltschweren Meldungen jeden 
Irrtum auszuschließen, erfolgt die Weitergabe tele- 
graphisch und gleichzeitig auf einer andern Leitung 
telephonisch. Der Stellvertretende Generalstab in Berlin 
gibt den Bericht an das W.T.B. (Wolffs Telegraphisches 
Büro) weiter. Das W.T.B, läßt den Bericht durch
	        
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