Die Augenheilkunde
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die aus der Anatomie vorherzusagenden Gesichtsfeldstörungen zum Vorschein.
So fiel z. B. nach Zerstörung des Wahrnehmungszentrums rechts, da beiderseits
die rechten Netzhauthälften nicht mehr funktionierten, die linke Gesichtsfeldhälfte
an beiden Augen aus (Hemianopsie). Nach Verwundung der beiderseitigen Seh
sphären trat keine völlige Blindheit ein, es blieb vielmehr ein ldeines Gesichts-
feldrestchen in der Peripherie oder um den Fixierpunkt erhalten. Trotzdem
mit letzterem ein gutes zentrales Sehen verbunden wäre, ist es doch zu Mein, als
daß es zur Orientierung hätte genügen können. Bei nur teilweiser Beschädigung
der Sehsphären wurden kleinere entsprechende Ausfälle in den Gesichtsfeldern
beider Augen beobachtet, ferner sog. Quadrantenhemianopsien und Verlust der
oberen oder unteren Hälften.
Der Kranke wird auf diesen Ausfall in seinem Gesichtsfeld oft erst durch die
Untersuchung aufmerksam. Bezeichnend dafür ist ein schon lange bekannter
Fall, den Gowers beschrieben hat, der sich beMagte, daß man im Krankenhaus
immer Fleisch ohne Beilage bekäme. Er hatte nämlich stets nur das auf der gesunden
Netzhautseite sich abbildende Fleisch gegessen, von den Kartoffeln auf der blinden
Gesichtsfeldhälfte aber nie etwas gemerkt.
Sogenannte Seelenblindheit, welche auf Zerstörung der Verbindungsfasern
zum Vorstellungszentrum oder als Dauererscheinung selbst beruht, kam nach
Schädelschüssen fast nie zur Beobachtung. Dabei sieht der Patient alles, z. B.
einen in den Weg gehaltenen Stock, um den er herumgeht. Er vermag aber nicht
durch das Betrachten allein zu erkennen, daß es ein Stock ist. Erst mit Hilfe
der andern Sinne, z. B. durch Betasten, kommt ihm die Erkenntnis.
Poppelreuter hat uns kennen gelehrt, daß bei Schädigungen der Sehzentren
Störungen der rein optischen AuffassungsVorgänge, der sinnvollen optischen
Erkennungs- und Denkvorgänge und Störungen der Tätigkeit infolge von mangel
haftem Auffassen des Gesehenen zur Beobachtung kommen. Bei der Kompli
ziertheit der Verhältnisse muß ich mir versagen, darauf einzugehen.
Auch ohne unmittelbare Verletzung kann nach Schädelschüssen der Seh
nerv in Mitleidenschaft gezogen werden. Sehr häufig entzündet er sich. Bei Raum
beschränkung in der Schädelhöhle, z. B. durch Blutungen, entsteht eine Schwellung
des Sehnervenkopfes, die sog. Stauungspapille. Beide mit dem Augenspiegel
nachweisbaren Veränderungen haben hohe diagnostische Bedeutung und sind von
größter Wichtigkeit für die Entschließungen des Chirurgen. Auch durch Blutung
in die Sehnervenscheiden kommt es manchmal sehr schnell zur Stauungspapille.
Ganz kurz will ich noch auf eine Erkrankung eingehen, welche auch in den
Tageszeitungen besprochen worden ist, die sog. Nachtblindheit oder Hemeralopie.
Bei uns nicht nur, sondern auch in den feindlichen Heeren meldeten sich zahlreiche
Leute krank, weil sie bei eingetretener Dunkelheit sich nicht mehr zurechtfinden
könnten. Ungeführt verlören sie ihre Kameraden und den Weg, stürzten über Steine
und in Granatlöcher. Die im Dunklen vorgehaltene Leuchtuhr, sonst schon in
größerer Entfernung als leuchtende Scheibe gesehen, bemerkten sie erst dicht am
Auge, sehr schwere Fälle gar nicht. Bei Tage sahen sie gut. Diese Krankheit und
ihr gehäuftes Vorkommen war für die Augenärzte nichts neues. Während beim
Gesunden beim Eintritt in einen dunMen Raum sofort eine bis aufs 50fache steigende