556
Emst Lehmann
studieren. Die Pflanzenphysiologie hat sich dieser Aufgabe seit langer Zeit mit
Sorgfalt gewidmet. In erster Linie handelt es sich hierbei naturgemäß um die
Ernährungslehre, welche praktische Bedeutung erlangt. Die zur Ernährung der
verschiedenen Pflanzen nötigen Stoffe, die im einzelnen Falle notwendigen Quanti
täten und ähnliches mußte festgestellt werden. Es war wichtig, zu erfahren, woher
die Pflanzen ihre einzelnen Nährstoffe beziehen, insbesondere die wichtigsten unter
ihnen, den Kohlenstoff, Stickstoff und einzelne Mineralsalze. Diese Fragen sind heute
im großen und ganzen für die wichtigsten Kulturpflanzen gelöst. Der bedeutendste
Erfolg dieser Kenntnisse liegt für die Praxis darin, daß es möglich wurde, eine
rationelle Düngungslehre auszuarbeiten, wodurch der Ertrag unserer Felder in
früher ungeahnter Weise gesteigert w er cl e] i ‘konnte. Wir werden indessen sehen*
daß im Kriege die Kultur neuer Nutzpflanzen auf tauchte und notwendig wurde.
Wollte man sich hier vor großen Enttäuschungen bewahren, so wurde es nötig*
botanische Erfahrungen als Grundlagen für die Kultur heranzuziehen. Wir werden
sehen, daß dies in manchen Fällen mit ausgezeichnetem Erfolge geschehen ist*
während in anderen Fällen die Unterlassung zu erheblichen Mißerfolgen geführt hat.
Von erheblicher Bedeutung ist weiter die" Beschaffung geeigneten Saatgutes.
Um solches zu erzielen, wird die Züchtung besonders ertragsreicher und widerstands
fähiger Rassen nötig. Die Ergebnisse pflanzlicher Vererbungsforschung, die Kennt
nis von Bestäubung und Befruchtung, geben hier die Mittel an die Hand, bei alten
und neuen Kulturpflanzen günstige Ergebnisse und nötigenfalls Ertragssteigerungen
zustande zu bringen.
Naturgemäß ist es weiter für den Landwirt von weittragender Bedeutung*
zu wissen, daß er einen gesunden Pflanzenbestand erzieht. Pflanzenkrankheiten
sind ebenso häufig wie menschliche Krankheiten. Die Schädigungen, die der
Ertrag durch sie erleidet, sind oftmals außerordentlich groß. Es handelt sich
also darum, durch eingehendes Studium diese Krankheiten in ihrem Wesen zu
erkennen und nötigenfalls ihr Auftreten zu verhüten. Das spielt auf jedem Gebiete
der Pflanzenkultur eine sehr große Rolle. Es ist wohl verständlich, daß im Kriege
diesen Verhältnissen besondere Aufmerksamkeit zu widmen sein wird, damit nicht
durch Umsichgreifen von Pflanzenseuchen, zu Zeiten, wo das geschulte landwirt
schaftliche Personal zumeist im Felde steht, unermeßlicher Schaden entsteht.
Das gilt besonders auch wieder für die neu in Kultur genommenen Pflanzen*
wenn nicht durch Seuchen aller Art der Erfolg von vornherein in Frage gestellt
werden soll.
Damit nähern wir uns schon den Aufgaben, die der Krieg selbst an die Botanik
stellt. Eine Ertragssteigerung der schon im Frieden gebauten Gewächse läßt sich
im Kriege auf wissenschaftlicher Grundlage nicht so schnell erzielen. Es tut also
not, neben den schon im Frieden feldmäßig angebauten Pflanzen noch Ersatz für
früher von auswärts eingeführte und auf dem Gebiete der Zentralmächte nicht vor
handene pflanzliche Produkte zu suchen, bzw. Nutzungsquellen bei heimischen Pflanzen
aufzufinden, welche im Frieden nicht erschlossen wurden. Es ist durchaus nicht
etwa eine Sondererscheinung dieses Krieges, daß im Gefolge desselben bestimmte
Nahrungs- und Genußmittel oder Rohstoffe für die kriegführenden Länder sowohl
als für die Neutralen knapp werden oder gar ausfallen, und daß für das Ausbleibende