Krieg und Völkerkunde
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indogermanische Sprache erweisen. An sie ist das Albanische anzuschließen, für das
wir freilich erst seit dem 17. Jahrhundert wieder eine Überheferung besitzen.
L. von Thalloczy, Illyrisch-albanische Forschungen. 2 Bde. München 1915.
Karl Both, Geschichte Albaniens. Leipzig 1914.
Spiridion Gopcevic, Das Fürstentum Albanien, seine Vergangenheit, ethnographischen Verhältnisse,
politische Lage und Aussichten für die Zukunft. Berlin 1914.
Fritz Tarrasch, Das Gesetz der albanischen Frage. (Süddeutsche Monatshefte 1915, September.)
Ad. Dirr, Der Albaner (das.).
M. Müller, Albaniens Zukunft. München 1915.
Die Völker des türkischen Reiches und der Islam.
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Eine große Mannigfaltigkeit zeigt das Völkerbild des türkischen Reiches,
das ethnisch — wie geographisch — in einen nördlichen, wesentlich türkischen,
und einen südlichen arabischen Teil zerfällt. ,,Türken'‘ ist genau genommen ein
Sammelname für zahlreiche Stämme, deren Heimat Turkestan ist und die nach
Westen in zahlreichen Stößen vorgedrungen sind. Den in der Türkei herrschenden
Stamm dürfte man nur Osmanen nennen, die im 13. und 14. Jahrhundert in Klein
asien an die Stelle der stammverwandten Seldschuken traten. Die heutigen Türken
sind aus einer mannigfachen Völkermischung in Kleinasien hervorgegangen, durch
die die Merkmale der mongolischen Rasse, der die Türken sonst, vor allem ihrer
Sprache nach, nahestehen, fast gänzlich geschwunden sind. Ihre historische
Selbständigkeit haben die Türken dadurch gewonnen, daß sie bereits dem islamischen
Kulturkreise angehörten, als sie mit der europäisch-byzantinischen Welt in Berührung
traten. Das türkische Wesen hat sich am reinsten in Kleinasien erhalten, besonders
in den nomadischen Jürüken und kleinen Wanderstämmen, wie den Kisilbasch, den
Kachtadji, den Tschetmi. Durch den Islam sind dem Türkentum sehr starke Be
standteile aus zahlreichen Völkern Europas zugeflossen: Griechen, Ungarn, Bulgaren,
Bosniaken, Albanesen, außerdem Tscherkessen, Tataren, Turkmenen haben einen
starken Anteil an der Bildung des modernen Türkentums. Kulturell und religiös
scheiden sich von den Türken die christlichen Griechen und die Armenier. Beide
Völker sind auf heimischem Boden tüchtige Bauern; in den Städten vertreten sie
den Handel und spielen dadurch im wirtschaftlichen Leben der Türkei eine große,
nicht immer günstige Rolle. Wir nehmen jetzt an, daß die Armenien — deren
Sprache zwar eine indogermanische, dem thrakisch-phrygischen Zweige angehörende
ist — anthropologisch die Nachkommen eines älteren, nicht indogermanischen
Volkes sind, dessen Stellung noch dunkel ist. Vielleicht gehören sie mit der Schicht
zusammen, zu der die Hettiter in Beziehung stehen. Die neuerdings geistvoll
vertretene Hypothese, daß die Sprache der Hettiter indogermanisch sei, scheint
nicht haltbar zu sein. Dagegen sind ein den Iraniern zugehöriges Volk die Kurden,
die als wildes Räubervolk bei allen Nachbarn berüchtigt sind. In die semitische
Völkergruppe werden wir mit der arabischen Bevölkerung geführt. Das-Arabertum
ist nie eine nationale Einheit gewesen, es hat nur ein stark ausgeprägtes Stammes
bewußtsein gekannt. Im nomadischen Arabertum ist es noch heute so. Das an
sässige, städtische Arabertum Syriens weicht in Typus und Charakter erheblich vom