Volltext: Deutsche Naturwissenschaft, Technik und Erfindung im Weltkriege

K eine unter allen Wissenschaften bietet dem Menschen eine größere Fülle von 
Gegenständen des Denkens, der Überlegung und von frischer, sich stets erneu 
ernder Erkenntnis dar, als wie die Chemie; keine ist mehr geeignet, das Talent der 
Beobachtung in der Entdeckung von Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten in den 
Erscheinungen in gleicher Weise zu wecken, und die Gesetze des Denkens in ihren 
strengen Methoden der Beweisführung für die Wahrheit einer Erklärung oder in 
der Aufsuchung der Ursachen und Wirkungen einer Erscheinung gleich anschaulich 
und geläufig zu machen/' Diese Worte finden sich in den chemischen Briefen von 
Justus von Liebig, an dessen eigenen Entdeckungen und Werken, Arbeits- und 
Forschungsmethoden sie sich streng bewahrheiteten. Und die deutsche Chemie, 
vornehmlich die organische und angewandte, die heute noch in den Fußstapfen 
Liebigs sich bewegt, ist sich der Tragweite dieser Worte stets bewußt gewesen. 
Liebig war es auch, der eine vorbildliche Chemieschule in Gießen einrichtete und 
seine Schüler, unter denen u.a.A.W. Hof mann und August Ke kule glänzten, zum 
Ausbau des chemischen Unterrichts anregte. Speziell diese Tat Liebigs ist nicht 
hoch genug einzuschätzen. Entstand doch allmählich ein weitverzweigtes System 
von Schulen, in denen nicht nur Chemieunterricht, sondern auch die für die Chemie, 
die rein wissenschaftliche wie die angewandte, so ungeheuer wichtigen seelischen 
Momente Geduld, Ausdauer und treue Hingabe an das Arbeitsobjekt geübt wurden, 
Eigenschaften, die den deutschen Chemiker in allererster Linie auszeichnen. Aller 
dings, sei gleich hinzugefügt, müssen diese Eigenschaften schon in der Anlage vor 
handen sein und in der Seele des Volkes schlummern. Sie sind dem Deutschen 
eigen, wie dem Amerikaner der Wagemut und die Kühnheit, wenn auch hier mit 
der vibrierenden Unruhe des Augenblickserfolges verbunden. 
In der chemischen Schulung 1 ) ruhen die Wurzeln der deutschen chemischen 
Großindustrie, und das Ausland, das vor dem Krieg seinen Bedarf an Chemikalien 
zu einem großen Teile bei uns deckte, bemühte sich nicht wenig, seine Söhne zu 
Tausenden an die Stätten unserer Schulen und Arbeit zu schicken, um in das 
x ) Neben den Schulen in ihrer mannigfaltigen Gliederung und Verzweigung darf sodann ein 
anderer im Dienste der Forschung stehender Faktor nicht unterschätzt werden, nämlich die Entwicklung 
des Fachzeitschriftenwesens auf dem Gebiete der einzelnen Zweige der Chemie. Auch hierin ist Deutsch 
land anderen Ländern, so namentlich in den letzten dreißig Jahren, vorangegangen. Zu Liebigs Annalen, 
dem Journal für praktische Chemie, den Berichten traten die Zeitschrift für physikalische Chemie, die Zeit 
schrift für Elektrochemie, die Zeitschrift für Kolloidchemie und die Zeitschrift für anorganische Chemie. 
Außer einer Anzahl guter Lehrbücher sodann sind verschiedene Wörterbücher und Handbücher zu er 
wähnen, wie das neue Handwörterbuch der Chemie, das Handbuch der anorganischen Chemie, Beilsteins 
Handbuch der organischen Chemie, das Lexikon der Kohlenstoffverbindungen, Lexikon der anorganischen 
Verbindungen usf. Mit den größten Hoffnungen sodann dürfen wir den Forschungsinstituten entgegen 
sehen, von denen die Kaiser-Wilhelms-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften drei chemische ins 
Leben gerufen, nämlich für allgemeine Chemie, für physikalische Chemie und für Kohlenforschung. 
Deutsche Naturwissenschaft, Technik und Erfindung: im Weltkriege. 10
	        
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