Der Handelskrieg in der Nordsee
243
von New Jork sehr aufgeregt verlief. Die Passagiere erhielten zahlreiche Telegramme,
die ihnen rieten, nicht mit dem Schiff zu reisen, das sicher durch deutsche Unterseeboote
torpünert werden würde. Diese Telegramme waren, wie es scheint, mit erfundenen
Namen unterzeichnet. Das neue Mittel, das die Deutschen anwenden, wird nicht mehr
Erfolg haben als die früheren. Die Herrschaft über die Meere gehört andauernd den
Alliierten, man müßte sie ihnen nicht durch Drohungen, sondern durch Taten nehmen."
Auch in England hatte man versucht, den Eindruck der deutschen Warnung abzu
schwächen. Die Londoner „Times" teilte aus Liverpooler Schiffahrtskreisen mit, daß man
dort wegen der Ankündigung der deutschen Botschaft keinerlei Besorgnis habe. Es würde
keine Einschränkung des atlantischen Verkehrs stattfinden, es sei denn auf Anordnung
der Admiralität. „Die Maßregeln zum Schutze des Schiffsverkehrs auf den Handels
straßen sind derart, daß keine Besorgnis hinsichlich der Sicherheit der großen atlantischen
Dampfer oder der anderen zahllosen im atlantischen Handel tätigen Schiffe herrscht."
„Die Beamten der Cunardlinie in New Jork," schreibt der „Daily Telegraph",
„sagten, es sei niedrig von der Botschaft eines großen Reiches wie Deutschland, zu der
Taktik zu greifen, eine Dampfschiffsgesellschaft zu schädigen. Ihre Entrüstung wurde
nicht verringert, als aus Washington bekannt wurde, daß die Botschaft nach Weisungen
aus Berlin verfahren sei." Der Vertreter des Blattes, der bei der Abfahrt des Schiffes
zugegen war, berichtet, daß die große Mehrzahl der Reisenden über die Warnung spottete,
die sie für lächerlich hielten; nicht ein einziger Passagier habe die Reise aufgegeben. Der
Generalvertreter der Cunardlinie, Charles Summer, erklärte der „Daily Mail" zufolge:
„In Wahrheit ist die „Lusitania" das sicherste Schiff auf dem Meere. Sie ist für jedes
Unterseeboot zu schnell. Kein deutsches Kriegsschiff kann an sie heran."
Einer der geretteten Passagiere der „Lusitania", ein Amerikaner, hat, wie dem „Ber
liner Tageblatt" aus London gemeldet wurde, in Queenstown Journalisten gegenüber
folgende Schilderung von der Ueberfahrt des Schiffes und der Katastrophe gegeben:
„Unmittelbar nach der Abfahrt von New Jork war die Stimmung an Bord der
„Lusitania" etwas gedrückt, da die verschiedenen Warnungen, die uns Passagieren zuteil
geworden waren, bei vielen Leuten eine gewisse Nervosität hervorgerufen hatten. Je
mehr sich jedoch das Ziel unserer Reise näherte, desto mchr hob sich die Stimmung
wieder, zumal die Fahrt vom herrlichsten Wetter begünstigt war und außerordentlich
schnell vonstatten ging. Die Unterseebootsgefahr wurde für ziemlich gering erachtet. Erst
die außerordentlichen Vorsichtsmaßregeln, die die „Lusitania" traf, als sie sich der
Blockadezone näherte, erinnerten uns daran, daß wir uns im Kriege befanden. Es
durften außenbords keine Lichter mehr gezeigt werden, nach Anbruch der Dunkelheit lag
das Deck der „Lusitania" in völliger Nacht. Die Kapelle spielte nicht mehr aus Deck,
wie überhaupt jedes überflüssige Geräusch vermieden wurde. Den durch diese Maßregeln
besorgt gemachten Passagieren erwiderten die Offiziere des Dampfers stets in beruhigend
ster Form, rieten ihnen aber, wenn auch mehr im scherzenden Tone, auf alles gefaßt zu
sein. Im Ernste glaubte jedoch eigentlich niemand an das tatsächliche Vorhandensein
einer Gefahr. So kam der Unglücksfreitag heran, in dessen Abendstunden die englische
Küste erreicht werden sollte. Das gemeinsame Mittagessen der Passagiere erster Klasse
verlief wie gewöhnlich in durchaus heiterer Stimmung und war gegen 2 Uhr beendet.
Die meisten Passagiere zogen sich in ihre Kabinen zurück, nur wenige, unter ihnen ich
selbst, blieben auf Deck und beobachteten die völlig ruhige See. Es war weit und breit
kein Schiff zu sehen, nur am äußersten Horizont zeigte sich eine Rauchfahne, die wie sich
später herausstellte, einem englischen Torpedojäger angehörte. Plötzlich hörten wir an
der Backbordseite des Riesendampfers, ungefähr mittschiffs, ein dumpfes Krachen, wie
von zersplitternden Balken, dem in derselben Sekunde der Donner einer furchtbaren