Die Kämpfe in Ostpreußen
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dürfen, wie das Jungvolk mit Todesverachtung über alle natürlichen und künstlichen
Hindernisse hinweg die feindlichen Stellungen erstürmte, den Kugeln der sibirischen
Scharfschützen entgegen, die schon aus 1200 Meter Entfernung gut schossen. Sie waren
unterwegs Zeuge gewesen der unerhörten Anstrengungen, mit denen unsere schwersten
Kaliber auf den hoch verschneiten Straßen vorwärts gebracht wurden, wie unsere
prachtvolle leichte und schwere Artillerie von Stellung zu Stellung vorrückte, ohne
Deckung abprotzte und dem fliehenden Feind ihre 10-, 15- und 20-Zentimeter-Granaten
nachfeuerte..."
Vom Nachtkampf um Wirballen, der am 10. Februar 1915 tobte (vgl.
S. 124), erzählt Rudolf von Koschützki im „Stuttgarter Neuen Tagblatt": „...Eine
kurze Rast, dann weiter, immer weiter. Trotz der eisigen Kälte läuft der Schweiß unter
dem Helm hervor. Der Rücken ist wie gelähmt, der Kopf denkt nicht mehr, man versucht
den qualvollen Zustand zu vergessen, das Gefühl auszusperren. Nur einen Fuß vor den
andern, einen vor den andern... einmal wird es ein Ende nehmen, es hat noch immer
alles ein Ende gefunden, Hunger, Müdigkeit, Schmerzen alles.
Wir überschreiten die russische Grenze, die neue Nacht sinkt über das Land — nicht
dämmergrau wie die vorige, sondern rot, feuerrot! Je weiter die Sonne unter den Hori
zont sinkt, desto mehr rötet sich der Himmel, desto mehr brennende Ortschaften kann das
Auge unterscheiden. Und die Augen blicken in den Flammenschein, die Gedanken be
ginnen sich zu regen... es ist fast, als würde der Tornister ein wenig leichter, der Hun
ger etwas weniger fühlbar..., seht mal, wie viel Dörfer brennen, wie viele, man kann
sie fast nicht zählen." Sie zählen aber dennoch, das ganze Regiment zählt... acht, zehn,
zwölf, fünfzehn... immer mehr... dort ist noch eins; auch da links. Und dahinter geht
gerade ein Haus in Flammen auf. Ist das nicht in Rußland? 'Sind die Menschen denn
verrückt geworden, daß sie sogar ihre eigenen Dörfer anzünden? Sie zählen und zählen;
immer wieder entdecken sie einen neuen Brand. Zuletzt wissen sie's genau: vierund
zwanzig Orte stehen in Flammen, vier davon in Rußland. Und auch das wissen sie
zuletzt, weshalb diese russischen Dörfer brennen. Es sind Rückzugsfanale, Wegweiser für
die Versprengten, Verwundeten, damit sie ihr Ziel nicht verfehlen... Und zwischen den
riesigen Brandfackeln und hinter ihnen das Aufblitzen der Geschütze... ein unaufhör
liches Krachen und Rollen hallt in die betäubten Sinne... Und immer noch marschieren,
Schritt vor Schritt, Schritt vor Schritt... ist denn das ganze Löben nichts weiter mehr
als marschieren? Wie lange denn schon — zwölf Stunden, vierzehn, sechzehn — acht
zehn, bei Gott, achtzehn Stunden! Um vier ausmarschiert, jetzt ist es zehn...
Die Spitze erreicht einen Bahndamm, ein Zug kommt langsam von rechts angerollt...
von rechts, aus Ehdtkuhnen... Teufel, ist dort nicht der Russe? „Halt! Halt! Hund, du
auf der Maschine!" Gleich kommt die Antwort: Zischende Dampfwolken, Blitzen, Knat
tern, aus allen Fenstern des langen Zuges. Auch ein Maschinengewehr rattert seine
eintönige, verhaßte Weise dazwischen.
Schneller und schneller rollen die Wagen... Teufel, die sind uns entwischt! Plötzlich
ist das ganze Regiment wach, die Augen werden hell... paßt auf, da rechts steht noch ein
Zug. Rasch hin, daß er uns nicht auch fortfährt. Nein, der hat keine Lokomotive vor.
Sonst ist er fertig zum Abfahren. Was ist darin? Liebesgaben, lauter Liebesgaben —
so ist's recht, die sollen uns schmecken! Aber erst die Arbeit getan!
Die Haltestelle in K i b a r t y wird besetzt. Dann der Vormarsch nach W i r b a l l e n
fortgesetzt. Er bleibt nicht unbemerkt. Der Feind schießt Leuchtkugeln herüber, die den
Weg mit Licht überstrahlen. „Die Adjutanten zum Divisionskommandeur!" Er ist in
dem kleinen Gehöft drüben. Bald sind sie mit dem Befehl zurück: „Wirballen sofort an
greifen und im Sturm nehmen!" Wir haben zwar nichts im Magen außer dem 62 Kilo