Volltext: Diplomatische Geheimakten aus russischen, montenegrinischen und sonstigen Archiven (Band II 1929)

Es bleibt daher für die leitenden serbischen Staatsmänner Pflicht, 
mit dieser Gefahr und dieser Möglichkeit ernstlich zu rechnen. 
Namentlich ist es für Serbien von der größten Wichtigkeit, seinen 
Platz an der Seite jener Gruppierung der europäischen Mächte zu 
suchen, die eine solche Lösung des Balkan- und Orientproblems be¬ 
günstigt, mit der Serbien einverstanden sein kann, weil sie seine Existenz 
und seine Zukunft nicht gefährdet. 
Während seiner jüngsten Anwesenheit in verschiedenen europäischen 
Hauptstädten, erklärte Herr Milowanowitsch weiter, habe er von leiten¬ 
den Staatsmännern mannigfache Versicherungen der Sympathien und 
der Freundschaft für Serbien erhalten. Auch während seines Kurauf¬ 
enthaltes in Marienbad sei ihm das Glück zuteil geworden, aus dem 
Munde des Königs von England sehr schmeichelhafte und ermutigende 
Worte für die Zukunft Serbiens zu vernehmen1). 
In seiner Unterredung mit dem Grafen Aehrenthal habe er ebenfalls 
den Eindruck gewonnen, daß dieser sympathische und freundschaft¬ 
liche Gesinnungen für Serbien hege, und daß er nicht nur in bezug auf 
den Handelsvertrag, sondern auch in allen anderen wirtschaftlichen und 
finanziellen Fragen den serbischen Interessen in weitestem Umfange 
entgegenzukommen bereit wäre — alles dies aber selbstverständlich nur 
unter der stillschweigenden Voraussetzung, daß Serbien sich entschließen 
könnte, den Platz zu akzeptieren, den ihm die Balkanpolitik des Wiener 
Kabinetts zugedacht hat. 
Denjenigen, in deren Händen das serbische Volk die Leitung seiner 
Geschicke gelegt hat, bleibe es überlassen, darüber schlüssig zu werden, 
ob Serbien sich mit der Rolle abfinden kann, die ihm im Rahmen der 
österreichischen Balkanpolitik Vorbehalten ist, ohne seiner ererbten und 
traditionellen nationalen Mission2) untreu zu werden, und ohne seine 
ganze staatliche Zukunft sowie die Zukunft des gesamten serbischen 
Volksstammes für immer zu komprimittieren. 
Die Klugheit werde es vielleicht gebieten, zu diesen und ähnlichen 
prinzipiellen Fragen nicht früher Stellung zu nehmen, als bis der 
entscheidende Moment gekommen sei. 
Auch die Frage, ob Serbien und die anderen Balkanvölker dazu be¬ 
rufen sind, entsprechend dem leitenden Gedanken der englischen Politik 
an der Seite der Ententemächte Europa und den Weltverkehr vor dem 
Egoismus Deutschlands zu schützen3), müsse gleichfalls als eine solche 
angesehen werden, die noch zu keiner Entscheidung dränge und keines¬ 
wegs dazu nötige, vorzeitig die Karten aufzudecken4). 
Wohl aber dürfe Serbien schon jetzt nicht müßig zusehen, wenn 
Griechen und Bulgaren Vorteile zu erlangen suchen5), die den serbischen 
Staat und das serbische Element in eine prekäre Lage zu bringen ge¬ 
eignet sind. 
Der status quo am Balkan habe das natürliche Gleichgewicht zwischen 
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