Die Richtlinien CzerninS
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Sixtus jene Note erhalten zu haben. Mit diesen Feststellungen der fran¬
zösischen Regierung, die in der Nichterwähnung der Richtlinien in Poincares
Tagebucheintrag zum 20. Mai 1917 eine Stütze finden, läßt sich nicht ver¬
einbaren, daß die „Wai Memoire“ die Richtlinien abdrucken. Das könnte
zwar wie manches andere aus dem darin stark benutzten Buche des Prinzen
übernommen sein, aber Lloyd George sagt ausdrücklich, daß er den Brief
Kaiser Karls vom 9. Mai 1917 und die beigefügte Notiz Czernins mit
großem Interesse studiert habe, wenn er auch aus beiden Dokumenten den
Eindruck gewonnen haben will, daß Fortsetzung der Friedensverhandlungen
mit Österreich-Ungarn nicht aussichtsreich sei. Hat Lloyd George 1918
wirklich seine Bekanntschaft mit den Richtlinien verleugnet, so könnte ihn
dazu der Wunsch bestimmt haben, sich von Clemenceau nicht in die fatale
Auseinandersetzung mit Kaiser Karl und Czernin hineinziehen zu lassen.
Das letzte Wort können in diesem Falle weder die französischen noch die
englischen Akten sprechen, wenn sich Lloyd George nicht selbst zu einer
Aufklärung entschließt.
Aus alledem fällt immerhin auf das Buch des Prinzen ein neues Licht.
Man hat längst bemerkt, daß eine Übersetzung der Richtlinien für den des
Deutschen kundigen Lothringer Poincare eigentlich überflüssig war. Hätte
der Prinz eine Abschrift der Richtlinien 1917 zu den Akten gegeben, so
würde der Präsident jedenfalls schon damals wie Appuhn 1921 in seiner
Besprechung des Buches bemerkt haben, daß die ihm angeblich vorgelesene
Übersetzung „unetraductionunpeuaudacieuse“ ist. Wenn Czernin eine
endgültige Antwort nach Erfüllung der Vorbedingungen in Aussicht stellt,
so war das nicht etwa, wie Sixtus übersetzt, der Sonderfriede. Die Drohung
mit dem Sonderfrieden war für Czernin das letzte und stärkste Druckmittel.
Ob er damit, wenn sie versagte, ernst machen würde, ließ sich den nur für
den Kaiser bestimmten Richtlinien nicht entnehmen. Die „War Memoire“
bringen eine genaue Übersetzung. Dem Prinzen aber kam es, als er sein
Buch herausgab, darauf an, zu zeigen, daß Czernin 1917 an dem gleichen
Strange wie der Kaiser gezogen habe. Das Schlagwort „Sonderfriede"
durste daher in seinem Buche auch in der „Note" des Ministers nicht fehlen.
Es ist auf den Durchschnitt der stanzösischen Leser der Nachkriegszeit be¬
rechnet, nicht auf Poincare, dem er in der Tat die vermutlich erst
1918 nach dem Duell Clemenceau-Kaiser Karl angefertigte Überset¬
zung nicht vorgelesen und auch keine Abschrift der seiner Politik hinder¬
lichen Richtlinien hinterlassen haben wird. Bei Lloyd George lag der
Fall anders. Den wollte er überzeugen, daß Czemin für ein italienisches