Der Lebensabend
„Aus Danzig vertrieben und heimatlos geworden, muß ich mir wie ein verlorener
Sohn erst wieder einen Wohnsitz suchen", schreibt Mackensen bald nach seiner Heim
kehr einem ihm aus der Kriegözeit nahestehenden Generalstabsoffizier. „So herzlich
ich hier im Elternhause meiner Frau aufgenommen bin, die eigene Häuslichkeit ersetzt
auch die vorbehaltloseste Gastfreundschaft nicht. Wenn irgend möglich, will ich in
Hinterpommern wohnen bleiben."
Der Wunsch ließ sich nicht verwirklichen. Nach längerem Suchen fiel die Wahl auf
Falkenwalde, ein Dorf 16 km nordwestlich von Stettin. Der Feldmarschall kaufte
dort im Frühjahr 1920 ein im Walde gelegenes, anspruchsloses Landhaus. Es wurde
ihm und der treusorgenden Gattin schnell zu einem neuen, behaglichen Heim. In
dem lange entbehrten Familienglück und in der waldumfriedeten Einsamkeit suchte
und fand er Ausgleich für alles durch den Ausgang des Krieges und seine erschüttern
den Folgen Verlorene. „Wir fühlen uns hier wohl und sind dankbar", berichtet er
nach einiger Zeit. „Mein Tagewerk vollzieht sich am Schreibtisch und im Sattel.
Ich meide jedes Hervortreten in die Öffentlichkeit und sehe täglich eigentlich mehr
Wild als Menschen. Diese verstehe ich nicht mehr." Täglich steigt er bis tief in die
Winterzeit hinein ohne Rücksicht auf die Witterung zu mehrstündigem Ritt zu Pferde,
nachdem lhm der pommersche Halbblutzüchterverband eine Fuchsstute geschenkt hat.
„Jeder Ritt auf der Stute", so schreibt er, „erinnert mich an das patriotische
Empfinden der Männer, denen ich sie verdanke. Ein solches Empfinden zu spüren,
beglückt das Herz eines alten, in preußischer Tradition großgewordenen Soldaten."
Allmählich zu innerer Ruhe gekommen, gewinnt der Feldmarschall auch den Glau
ben an daö deutsche Volk und an die Möglichkeit seines Wiederaufstiegs zurück.
„Mein Dienst am Vaterlande dürfte abgeschlossen sein", heißt eS in einem Brief
zu Ende des Jahres. „Ich fühle mich zwar noch nicht als Greis, sondern frisch und
gesund und täglich mehrstündigen Ritten gewachsen. Aber die Gegenwart fordert
jüngere Kräfte und solche werden sich finden, wenn die Umstände sie brauchen. Ich
habe Vertrauen zu unserer Jugend. Die Not der Stunde reift sie. Nur wachsende
Einigkeit aller wirklich urteilsfähigen Deutschen kann unser Vaterland wieder auf
richten. -Durch Preußen muß dem ganzen deutschen Vaterlande aufgeholfen werden!'
rief der alte Blücher 1813. Das gilt auch jetzt wieder. Es gilt überhaupt den Blücher
geist von 1813/13 wieder zu beleben. Der unabsetzbare König aller Könige sitzt im
Regiment der Welt. Er wird dem Vernichtungswillen der Franzosen Einhalt tun,
wenn Deutschland sich zur Einigkeit bekehrt haben wird."
In demselben Sinn schreibt Mackensen an einen anderen, ihm aus der Friedenszeit
befreundeten General: „. . . Eine Wandlung der deutschen Volksseele scheint sich vor
zubereiten. Meine Hoffnung ist die Jugend. Die Studentenschaften gehen mit ziel
bewußtem Beispiel voran. Verseucht ist nur die unterste Schicht der Großstadt
jugend . . . Wir müssen und können dafür sorgen, daß unsere Jugend fest auf dem