Volltext: Die orientalische Periode in der Geschichte des jüdischen Volkes (1 ; 1937)

Die Periode der zwei Reiche (um yjo—720) 
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seiner jungen Hofleute und wandte sich an das Volk mit den auf 
reizenden Worten: »Mein Vater hat euch mit Geißeln gezüchtigt, 
aber ich will euch mit Skorpionen züchtigen.« Diese Antwort em 
pörte die Ephraimiten. Es erscholl der alte revolutionäre Ruf: »Wir 
haben nicht Teil an David — zu deinen Zelten, Israel!« Der Fron 
vogt Adoniram, der das Volk zu beschwichtigen suchte, wurde von 
der Menge gesteinigt, und Rehabeam vermochte sich nur durch 
eilige Flucht nach Jerusalem zu retten. 
Daraufhin riefen alle nördlichen und transjordanischen Stämme, 
nach der Tradition zehn an der Zahl, den aus Ägypten zurück 
gekehrten Ephraimiten Jerobeam (oben, § 8) zu ihrem Könige aus. 
Auf diese Weise zerfiel das große Reich Davids und Salomos nach 
einem Jahrhundert der Einheit (um 930) in zwei selbständige König 
reiche, in das größere nördliche Reich Israel oder Ephraim und das 
kleinere südliche Reich Juda, das außer dem Stamme dieses Namens 
die Benjaminiten, den schon seit langem in Juda aufgegangenen kleinen 
Stamm Simeon sowie die Mehrheit der im ganzen Lande verstreuten, 
den Priester stand bildenden Leviten umfaßte. Dieser Dualismus der 
zwei Reiche sollte zwei Jahrhunderten der jüdischen Geschichte 
(93°—720) den Stempel aufdrücken. 
Der König des neu erstandenen Reiches Israel machte Sichern, 
die Hauptstadt des zahlreichsten und mächtigsten unter den abge 
fallenen Stämmen, zu seiner Residenz. Sobald er sich auf dem Throne 
sicher fühlte, ging Jerobeam an eine Reform, die die nördlichen 
Stämme nicht nur von Jerusalem als dem Sitz der Dynastie Davids, 
sondern auch von dem allnationalen solomonischen Tempel loszu 
reißen bezweckte. Durch den religiösen Zwiespalt sollte der poli 
tische endgültig besiegelt werden. Schon längst waren die Israeliten 
der mittleren und nördlichen Stämme mit der Konzentrierung des 
Gottesdienstes in der weit entfernten judäischen Hauptstadt unzu 
frieden. Die große Masse, die noch immer an den alten Geschlechts 
und Lokalkulten hing, wollte ihr religiöses Heiligtum in nächster 
Nähe haben und empfand überdies das Bedürfnis, die Gottheit in 
einem greifbaren Bilde anzubeten. Diese Volksstimmung machte sich 
nun Jerobeam zunutze und erhob statt Jerusalem Bethel an der 
südlichen und Dan an der nördlichen Grenze seines Reiches in den 
Rang der Heiligkeit. An Bethel knüpfte sich eine alte, mit dem 
Namen des Patriarchen Jakob verbundene Volksüberlieferung, wäh 
rend sich in Dan schon zur Richterzeit ein Orakel Jahves befand 
(oben, § 4). So errichtete denn Jerobeam in diesen beiden Städten
	        
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