Volltext: Die orientalische Periode in der Geschichte des jüdischen Volkes (1 ; 1937)

96 
Die materielle und geistige Kultur in der Periode der Reichstrennung 
§ 14. Religion und Kultus. Der Prophetismus 
Wie in allen Religionen des Altertums, stand auch in der Reli 
gion der alten Israeliten nicht das Dogma, sondern der Kultus an 
erster Stelle. Die israelitische Volksreligion war auch noch in der 
Zeit der Reichstrennung nicht frei von heidnischen Elementen. Neben 
den offiziell anerkannten Tempeln behaupteten sich nach wie vor 
zahlreiche andere, den Streitern Jahves als anstößig geltende Kult 
stätten. »Die Bamoth (Anhöhen) waren noch nicht verschwunden, 
das Volk opferte und räucherte auf den Bamoth« (II. Könige 12,4). 
Auf irgend einer Anhöhe, im Schatten einer Eiche oder Palme, erhob 
sich vor dem Standbild einer der alten kanaanitischen Gottheiten 
(oben, § 5) ein Altar, auf dem Tieropfer dargebracht und um den 
herum zuweilen Orgien zu Ehren der Göttin der Fruchtbarkeit, 
Astarte, gefeiert wurden. Aber auch mancher Tempel im Reiche 
Israel barg ein Standbild Jahves in Stiergestalt. Erst nach hart 
näckigem Kampf wurde dort der Baalkult von dem Jahvekult end 
gültig verdrängt. 
Die Hauptform des Gottesdienstes war die Opferdarbringung, 
durch die die Gottheit günstig gestimmt werden sollte. Außer Tier 
opfern wurden auf den Tempelaltären auch Trankopfer, Weih-Öl 
und Wein dargebracht. Die Opfermahle zeichneten sich namentlich 
an den Tagen der drei großen Jahresfeste durch große Feierlichkeit 
aus. »Dreimal im Jahre — so lautete das Gesetz — soll alles, was 
männlich ist bei dir, vor dem Herrn Jahve (im Tempel) erscheinen. 
Und man soll nicht mit leeren Händen vor mir erscheinen« (Exodus 
23, 17 u. 15). Am Passahfest wurde zum Fleisch der Opfertiere 
ungesäuertes Brot (»Mazzoth«) genossen, ein Symbol des im Früh 
jahr reifenden Getreides; an dem sieben Wochen nach Passah ge 
feierten »Wochen«- oder »Schabuoth«-Fest brachte das Volk die 
Ernteerstlinge (»Bikkurim«) in den Tempel, und an den Tagen des 
»Laubhüttenfestes« (»Sukkoth«) kam man zum Gottesdienst mit 
Baumfrüchten und Palmenzweigen in den Händen. Zu den Fest 
mahlen wurden Arme, Witwen und Waisen eingeladen, und »alle 
waren fröhlich vor Jahve« (Deuteronomium 16,11). Die den Opfer 
dienst versehenden Priester (»Kohanim«) erhielten einen Teil der 
Opfergaben und wurden überdies von den Laien mit ländlichen 
Erzeugnissen beschenkt. Die judäischen Priester, deren Würde erblich 
war, führten ihren Stammbaum auf Aaron, den Bruder Moses 5 , aus 
dem Stamme Levi zurück. Im Reiche Israel gab es hingegen seit der
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.