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Der „wettlauf zum Meer" im gerbst
Verbände, die bisher in der Flanke aufgetreten waren, sich als nicht sehr kampfkräftig erwiesen hatten.
So setzte die Armee den verhängnisvollen Vormarsch an Paris vorbei zur Marne mit viel zu schwach
geschützter Flanke fort, bis sie dann plötzlich am Ourcq der mächtige Angriff der Armee Maunoury traf.
Nachträglich ist die Überlegung angestellt worden, ob die deutsche Oberste Führung nicht besser
daran getan hätte, in der ersten Phase des Rrieges vor allem den Besitz des Landes bis zum Meer hin
sicherzustellen, um danach erst über die Weiterführung der Operationen Entschlüsse zu fassen. Bei dem
Ablauf, den die Dinge tatsächlich genommen haben, kann nicht geleugnet werden, daß die Besetzung
der Ranalhäfen und der normannischen Rüste für den Rrieg gegen England von unschätzbarem wert
gewesen wäre. Indessen mußte die deutsche Heeresleitung unter den Verhältnissen, wie sie 19H vor
lagen, darauf bedacht fein, alle Rräfte zusammenzuhalten, um zunächst das französische Heer ent
scheidend zu schlagen. Aber auch wenn man diesem Gesichtspunkt in vollem Maße Rechnung trug, so
brauchte das freilich nicht zu einer Vernachlässigung der Flanke zu führen.
Nach dem Rückschlag an der Marne in der Septembermitte und dem Rückmarsch hinter die Aisne
entstand eine neue Lage. Der äußerste rechte Heeresflügel machte an der Oise in Gegend Noyon kehrt.
Es entwickelten sich dort schwere Gtellungskämpfe, ohne daß es einer der kämpfenden Parteien gelang,
den Sieg davonzutragen. Das Schwergewicht der kriegerischen Handlungen verschob sich dann im
weiteren Verlauf allmählich weiter nach Norden in das Gelände zwischen Noyon und Arras. Hier
plante die deutsche Heeresleitung mit Hilfe von Verstärkungen, die sie heranzog, eine auf Umfassung
abzielende Operation, während zu gleicher Zeit die französisch-englische Führung den freien Raum
bis zum Meer zu überholender Verfolgung auszunutzen gedachte. Auf beiden Seiten zog man dem
entsprechend in der Mitte und im Süden der Rampffront alle irgend entbehrlichen Rräfte heraus und
warf sie nach Norden. Bereits in der zweiten Septemberhälfte setzte sich eine französische Armee in
Richtung St. Ouentin in Bewegung. Sie wurde jedoch vor Roye und Bapaume zum Stehen ge
bracht. Ende des Monats waren die Linien auch hier im Stellungskrieg erstarrt. Inzwischen waren
bei Lambrai, valenciennes und weiter östlich neue deutsche Verstärkungen ausgeladen und auf Arras
angesetzt, Ln der Hoffnung, daß hier endlich ein deutsches Übergewicht entstehen werde. Aber die Gegner
hatten rechtzeitig Abwehrkräfte zur Stelle. So setzte sich der „Wettlauf zum Meer" mit zunehmender
Geschwindigkeit nach Norden zu fort.
Die Front durchquerte nördlich Noyon das überaus fruchtbare Gebiet der Somme, das später
der Schauplatz so schwerer Rämpfe werden sollte. Südlich Arras gelangte sie in die Grafschaft Artois.
Diese Landschaft weift, ähnlich wie Flandern, neben Erinnerungen an Reichtum, künstlerische
Arbeit und behäbiges Leben auch solche des Schreckens auf, die sich ebensosehr an innerpolitische wie an
äußere Rämpfe der vergangenen Jahrhunderte knüpfen. Heiß hatten die im Mittelalter hier anein
andergrenzenden Mächte, Frankreich, das deutsche Reich, die österreichischen und spanischen Habsburger,
um das Land gerungen. Sein Besitz war lockend genug. Über einer Rreideschicht lagert fruchtbarer
Boden. Das milde, feuchte Rlima fördert das Wachstum. Getreidebau und Viehzucht gedeihen gleicher
maßen. Daneben fanden sich Rohlenschätze und seit langem blüht eine weitbekannte Textilindustrie.
Frühzeitig hatte sich großer Wohlstand entwickelt. Freilich führte der rasche kulturelle Aufstieg auch zu
allerlei sozialen Auseinandersetzungen und die Französische Revolution vor 150 Jahren hatte gerade
hier einen besonders blutigen Verlauf genommen.
während die Schlacht bei Arras im Herbst in vollem Gange war und unentschieden hin und
her wogte, trafen hinter dem rechten Flügel weitere deutsche Verstärkungen ein. von der belgischen Grenze
führte ihr Weg auf engen, schlecht gepflasterten Straßen nach St. Amand. Die Einwohner der Orte,
durch welche die Truppen marschierten, zeigten sich feindselig. Das halbzerstörte Orchies gab Runde
davon, daß man harr gegen sie hatte vorgehen müssen. Die Trümmer lagen da als ein ernstes Mahn-
und Warnungszeichen. Es ist verstanden worden. Je länger sich die deutschen Soldaten in dieser Land
schaft aufhielten, um so unbefangener und freundlicher wurden ihre Beziehungen zu den Bewohnern.
In dem rein landwirtschaftlichen Gebiet südlich von Arras ist die ganze Rultur französisch. Da
gegen zeigt die Gegend nördlich Arras, die erst Ln der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu Frankreich