Vorwort
dem Sammelwerk „Die unsterbliche Landschaft" soll ein neuer, bisher sonderbarerweise noch
V niemals aufgegriffener Gedanke Gestalt gewinnen: Die Betrachtung des Gesamtkriegserleb¬
nisses von der Landschaft aus.
Die Millionen deutscher Soldaten, die im Felde gestanden haben, tragen in ihrer Seele die Er¬
innerung an die Landschaften, in denen sie in diesen vier Jahren gelebt, gekämpft und gelitten haben.
Für ihr ganzes Leben begleitet die aus den Wasserlächern Flanderns, den endlosen Weiten Rußlands,
der verkarsteten Hochgebirgswelt des Balkan Heimgekehrten das Gefühl tiefer innerer Verbunden¬
heit mit dem Boden, den sie eroberten, für dessen Verteidigung sie bluteten, auf dem ihre Freunde
und Rameraden starben. Vloch nach vielen Jahren eines ganz anders gearteten friedlichen Lebens
kann der Geruch feuchten Erdreichs, der Schrei eines Vogels in schneestiller Wintereinsamkeit, ein
mühevoller Gang auf holpriger Geröllhalde oder der Anblick einer blauschwar; bewaldeten Horizont¬
linie vor leuchtendem Abendhimmel plötzlich und mit zwingender Gewalt Bilder der Vergangenheit
in ihnen aufrühren, die schon ganz versunken waren. Es steht dann in jähem Erinnern „ihre" Land¬
schaft aus dem Rriege wieder vor ihnen, die ihnen zum Erlebnis, vielleicht zum Schicksal wurde.
Der Soldat erlebte den Wechsel der Landschaft nicht, wie man ihn auf einer Reise erlebt. Dafür
lastete der schwere Ernst des Rrieges zu sehr auf Tag und Stunde. Die unermeßlichen Gegensätze
zwischen der Rulturlandschaft Flanderns und Frankreichs und der Armseligkeit Rußlands und des
Balkans gingen in sein Bewußtsein meist nur in sehr primitiver Form und unter vorwiegend prak¬
tischen Gesichtspunkten ein. Das Wesentliche und Charakteristische der Landschaften, in denen er
damals kämpfte, wurde ihm nur selten so klar und deutlich, daß er sich selbst ein fest umrissenes Bild
machen und seinen Angehörigen und Freunden eine genaue Vorstellung vermitteln konnte.
Viele, die später im Frieden die Schlachtfelder wieder aufsuchten, sind enttäuscht heimgekehrt,
was sie gesehen hatten, war nicht „ihre" Landschaft, verflucht und geliebt, erfüllt vom Geruch und
Getöse des Rampfes, durchbebt vom Schrecken tausendfachen Todes; es war eine friedliche, will¬
fährige Reiselandschaft geworden, in der die „historische Erinnerung" allzu geflissentlich gepflegt
wurde. Das gewisse Heimatgefühl, das den ehemaligen Frontsoldaten mit seinen Rriegslandschaften
verbindet, kann heute an Rriegerdenkmälern und künstlich erhaltenen Ruinen kein Genüge mehr
finden.
Die Landschaft des Weltkrieges, wie sie der Soldat gesehen und erlebt hat, ist verschwunden.
Das Leben hat sie wieder in Besitz genommen und die Spuren des Rampfes, soweit es anging, getilgt.
Sie wird als ewiges Vermächtnis gewaltigen Zeitgeschehens nur noch in den Bildern lebendig
erhalten, die an Grt und Stelle im Rriege aufgenommen worden sind. Diese Bilder können, und das
ist der Sinn dieses Bilderwerkes, dem Soldaten der „draußen" war, das Besondere und Einzigartige
jeder Landschaft wieder in die Erinnerung zurückrufen. Wort und Bild sollen ihm vielleicht auch
die Sprache vermitteln, um das auszudrücken, was er oft nur unbewußt empfindet.
Die Schlachtfelder, auf denen zwei Millionen deutscher Soldaten ruhen, sind im höchsten Sinne
„unsterbliche Landschaft". Sie im Geist des Volkes unsterblich zu erhalten, heißt dem heroischen
Gedanken dienen, der Deutschlands Zukunft trägt.
Es ist mir herzliches Bedürfnis, meinen alten Rriegskameraden, die mir bei der Herstellung
des Textes und der Auswahl der Bilder behilflich gewesen sind, auch an dieser Grelle meinen
Dank auszusprechen.
Erich Otto Volkmann
Potsdam, im Juli lhZS.