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Nutzen, als die fremden Mängel aufsuche. Es ist meine Sache
wenig, Streitschriften zu suchen und zu lesen."
3. Toleranz. Abneigung gegen den Sectengeist.
Mild gegen fremde Fehler, ist er duldsam gegen fremde Mei
nungen. Diese Toleranz ist bei ihm nicht eine vorgefaßte Pflicht,
was sie in der Schule der Aufklärung wurde; auch nicht, was sie bei
Vielen war, eine Gleichgültigkeit, die dem Kampfe der Meinun
gen gern aus dem Wege geht, sondern ein wirkliches Talent,
eine natürliche Eigenschaft, die ihn im Streite mit fremden Ideen
niemals verläßt. Nur der verstockte, ausschließende, beschränkte
Parteigeist ist ihm zuwider. Es giebt nichts, das dem Univer
salgeist, dem vermittelnden Denker, dem toleranten Charakter
mehr widerstrebt, als die Secte, die sich gegen jede Entwickelung
sträubt, welche über die gewöhnliche Grenze hinausgeht. Secten
können sein und geduldet werden, aber sie sollen nicht herrschen.
Wo Secten herrschen, da stockt das geistige Leben. Darum er
scheint die Macht des Sectengeistes dem Philosophen mit Recht
als der schlimmste Feind des Fortschritts und der Bildung, der
ihm am widrigsten da auffällt, wo er am wenigsten sein sollte,
in der Wissenschaft und in der Religion. In den zünftigen Phi
losophenschulen seiner Zeit, namentlich in den zur Secte erstarr
ten Cartestanern, die den Geist der freien Forschung unter die
Worte des Meisters gefangen nahmen, trat unserem Leibniz die
Hemmung der Wissenschaft eben so fühlbar entgegen, als in den
herrschenden Religionsparteien die Hemmung des wahren und
vernunftgemäßen Christenthums. Es ist das Geringste, daß un
ter dem Sectenzwange die Geister beschränkt werden und die wis
senschaftliche Liebe zur Wahrheit einbüßen. Die Erfahrung lehrt,
daß auch die moralischen Gesinnungen unter dieser Herrschaft