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deutschen Protestantismus lag jetzt in der Hand der Hohenzollern,
die schon im Begriff standen, aus Kurfürsten Könige zu wer
den. Dieses Fürstengeschlecht war seit dem Anfange des siebzehn
ten Jahrhunderts seinem Glaubensbekenntnisse nach reformirt und
hatte darum den Haß der Lutherischen gegen sich aufgeregt; kei
nem Fürstenhause in Deutschland mußte seinen eigenen Interessen
zufolge mehr an der religiösen Duldung, an einer wirklichen Ver
söhnung der beiden protestantischen Parteien gelegen sein, als den
Kurfürsten von Brandenburg. Hier war der Zwiespalt im Pro
testantismus am fühlbarsten und damit auch das Bedürfniß der
Ausgleichung.
2. Das Tolcranzsystcm in Brandenburg.
Seit Johann Sigismund (1608—1619), der zu den Re-
formirten übergetreten war, lag die religiöse Toleranz, die Ab
stumpfung und Ueberwindung der kirchlich-protestantischen Ge
gensätze in der politischen Richtung und den Interessen der Hohen
zollern. Das Toleranzedict, welches Johann Sigismund zum
Schutz der Reformirten im Jahre 1614 gegeben hatte, erneuerte
und bekräftigte sein Enkel, der große Kurfürst (1662); er unter
sagte seinen Landeskindcrn den Besuch der lutherisch unduldsamen
Universität Wittenberg; und die fremden Glaubensgenossen, die
nach der Aufhebung des Edictes von Nantes (1685) um ihres re
formirten Bekenntnisses willen aus Frankreich auswanderten,
fanden in Berlin eine bereitwillige Aufnahme. Eben jener Druck,
den Ludwig XIV auf die Protestanten seines Landes ausübte und
der diese zur Auswanderung trieb, mußte unter den Protestanten
selbst das Bedürfniß nach Duldung und Einigung verstärken. Um
diese Ausgleichung ins Werk zu setzen, erschienen die branden-
burgischen Staaten als der günstigste und durch die Zeitverhält-