626 Die deutsche Westfront in der Abwehr. Das Waffenstillstandsersuchen.
2. September, zurückgedrängt worden. Am 2. September mußte der Entschluß gefaßt
werden, in die Siegfried-Stellung zurückzugehen; auch am Balkan spitzten
sich die Dinge zu. General Ludendorss hatte den Eindruck, daß die Reichs-
regierung die Lage nicht ernst genug ansehe. Nachmittags wies er Oberst
von Winterfeldt an: Er solle sofort Staatssekretär von Hintze über sie
unterrichten und „nichts beschönigen!... Der Staatssekretär muß daraus
die Konsequenzen ziehen"^). Tags daraus erbat der Reichskanzler, der
seit dem 14. August über die Auffassung der Obersten Heeresleitung nicht
mehr unterrichtet worden war, eine Beurteilung der militärischen Aus-
sichten für die nächste Zukunft^). Generalseldmarschall von Hindenburg
4. September, antwortete am 4. Septembers: Die Kriegslage sei zweifellos sehr gespannt,
der deutsche Kräfteverbrauch, vor allem durch die Tankangriffe der Entente,
sehr hoch, er werde durch den eintreffenden Ersatz nicht gedeckt. Der Gene¬
ralfeldmarschall hoffte, die Lage trotzdem durchaus zu halten, da auch der
Feind starke Einbuße erleiden müsse. Er werde aber „irgendeine größere
Offensive in diesem Jahr wohl kaum mehr ergreifen können, durch
welche allein ein endgültig entscheidender Umschwung rasch zu erzielen
wäre..
Da mit Österreich-Ungarn eine Einigung über das weitere Ver¬
fahren, um zum Frieden zu kommen, nicht erzielt war, begab sich Staats-
sekretär vonHintzein den ersten Septembertagen nach Wien. Er erreichte
dort, daß die Hinausgabe der beabsichtigten Rote wenigstens aufgeschoben
wurde. Im Anschluß hieran übermittelte General von Eramon aus Er-
I.September, suchen Kaiser Karls am 7. September folgende Fragen nach Spa:
') Mitteilung des Genlt. von Oldershausen, der bei diesem Ferngespräch zugegen
war, vom Jan. 1923.
2) Nach einer Aufzeichnung des Gen. von Mertz vom Sept. 1918 (Mitteilung vom
Nov. 1937) sei diese Bitte von Gen. von Bartenwerffer als Chef der Polit. Abtlg. und
von ihm selbst als Chef der Operationsabtlg. Balkan angeregt worden, da sie der Auffassung
waren, dah der Kanzler über den Ernst der Lage, die sich sowohl an der Westfront wie am
Balkan immer weiter zuspitzte, nicht genügend unterrichtet sei, um die diplomatische Aktion
mit dem nötigen Nachdruck vorwärtszutreiben. Die Anregung wäre also auf doppeltem
Wege an die Reichsregierung gelangt.
3) Akten der Reichskanzlei.
4) Noch wesentlich zuversichtlicher als diese Beurteilung der Lage war eine Mitteilung
der Polit. Abtlg. gehalten, die an demselben Tage, offenbar als Anterlage für die Gesandt-
schast im Haag bei den erwarteten Vermittlungsverhandlungen bestimmt, an den dortigen
Militär-Attache ging. Sie sagte: Bisher seien alle feindlichen Durchbruchsversuche an der
beweglichen Verteidigung gescheitert; man klebe nicht am Gelände, das stets freiwillig auf-
gegeben werde. Sie schloß mit dem Satze: „Wie es wütenden Angriffen der Engländer
und Franzosen dieses Jahr nicht gelingen wird, die Front zu durchbrechen, so wird auch
Amerikanern, selbst wenn sie nächstes Jahr doppelte Anzahl Divisionen heranbringen, ent-
scheidender Erfolg nicht beschieden sein".