Volltext: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (4, Europäische Periode ; Das frühere Mittelalter / 1926)

§ 3. Italien unter den Ostgoten und Langobarden 
seiner Heimatstadt eindrang, um dort ein Kreuz und die Bilder Jesu 
und Mariä aufzustellen; zugleich erteilt der Papst den Befehl, diese 
die religiösen Gefühle der Juden arg verletzenden Gegenstände un 
verzüglich aus der Synagoge zu entfernen. Als die fanatischen Chri 
sten in Neapel den jüdischen Gottesdienst an den Feiertagen zu stören 
begannen, schrieb Gregor dem Bischof Paschalis vor, gegen die Ver 
letzer der den Juden von jeher verbürgten Gewissensfreiheit die ent 
sprechenden Maßnahmen zu ergreifen. 
Dieses energische Auftreten Gregors I. gegen die Verfolger des 
Judentums war letzten Endes in seiner allgemeinen kirchlichen Poli 
tik begründet. Zwar hegte der Papst, wie wohl kaum hervorgehoben 
zu werden braucht, für das Judentum als solches, das er in seinen 
Sendschreiben als „Aberglauben“, „Verworfenheit“, „Tücke“ (super- 
stitio, perditio, perfidia) kennzeichnete, durchaus keine Sympathien, 
doch war er überzeugt, daß man den „Rest Israels“ auf dem Wege 
friedlicher Propaganda nach und nach dem Christentum werde zu 
führen können, während man ihn durch Zwang und Unterdrückung 
nur verbittern und zum geschworenen Feinde der Kirche machen 
würde. So forderte er denn die kirchlichen und weltlichen Behörden 
auf, die Juden durch Verheißung von allerlei Begünstigungen und 
materiellen Vorteilen für das Christentum zu gewinnen, z. B. durch 
die den Neubekehrten in Aussicht zu stellende Herabsetzung der Steu 
ern um ein Drittel und durch eine ihnen zu gewährende Unterstüt 
zung. Als der Papst die Kunde erhielt, daß in der Stadt Agrigent (in 
Sizilien) eine Gruppe von Juden sich bereit erklärt hätte, zum Chri 
stentum überzutreten, traf er die Verfügung, daß ihnen eine Geld 
unterstützung gewährt werde und daß man sie ohne Aufschub tau 
fen solle, „damit sie der Verzögerung halber nicht von ihrem Vor 
haben Abstand nähmen“ (ne longa dilatio eorum retro possit animos 
revocare). Wohl sah er selbst ein, daß solche Lockmittel nur unred 
liche Menschen anziehen könnten, glaubte aber, daß die Nachkom 
men dieser Neubekehrten bereits gute Christen sein würden, so daß 
die Kirche „entweder sie selbst oder ihre Söhne gewinnen würde“ 
(aut ipsos aut eorum filios lucramur). Zugleich warnte er aufs ent 
schiedenste vor gewaltsamen Bekehrungen, die in der jüdischen Be 
völkerung nur Erbitterung hervorrufen könnten. Hierbei ist hervor 
zuheben, daß Gregor I. bei der Bekehrung von Heiden auch vor An 
wendung harter Maßnahmen nicht zurückschreckte, wie z. B. der 
3 Dubnow, Weltgeschichte des jüdischen Volkes, Bd. IV 
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