Der Stoß auf Siedlec
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deutschen 8. Armee nichts Ersprießliches und ließ am gleichen Abend
ein längeres Schreiben nach Marienburg abgehen, um Prittwitz noch in
elfter Stunde von der Notwendigkeit des Stoßes in den Rücken von
Warschau zu überzeugen. Ob nun der Galizien von Osten her bedrohende
Feind eine Fortführung des öst.-ung. Nordstoßes über Lublin hinaus
erlaube oder nicht, auf jeden Fall müsse die Masse des deutschen
Ostheeres, die Abwehr gegen Rennenkampf den „hinzutretenden Reserve¬
divisionen und Landwehrdivisionen" überlassend, aufs polnische Schlacht¬
feld herbeieilen. Sprach das Schreiben an GO. Prittwitz an einer Stelle
noch von „der allgemeinen Richtung über Siedlec", so fordert es an zwei
anderen Stellen ganz entschieden ein Vordringen „über" diesen vielge¬
nannten Ort hinaus. Daß Conrad kühnen Ideenfluges in der Tat an ein
Zusammenwirken auf der Walstatt dachte, erörtert er in seinen Denk¬
würdigkeiten *). Wohl hatte er im Frieden stets damit gerechnet, daß
die deutsche Ostarmee 12 bis 14 Divisionen stark sein werde. Aber auch
bei der nicht unerheblich geringeren Stärke, mit der Deutschland, wegen
des Fernbleibens der Italiener von den Vogesen, im Osten in den Kampf
trat, schien es ihm möglich, daß GO. Prittwitz drei Divisionen gegen
Rennenkampf zurückließ, mit den anderen sechs und der Kavalleriedivi¬
sion aber nach Südosten angriff.
Nun wußte Conrad^ als er sich solchen Erwartungen hingab, freilich
nicht, daß die ihm unbekannt gebliebene „Aufmarschweisung", welche
die deutsche 8. Armee von der DOHL. erhalten hatte 2), gegenüber seinen
Wünschen noch zurückhaltender abgefaßt war als das Schreiben Moltkes
vom 3. August. Zwar hatte der Oberbefehlshaber des deutschen Ost¬
heeres dessen Operationen „nach freiem Ermessen zu leiten", und es
wurde ihm nahe gelegt, „übereinstimmendes Handeln mit dem öster¬
reichischen Heere anzustreben". Aber im Grundtone der Aufmarschwei¬
sungen wurde „die schwierige Aufgabe ..., unsere [deutschen] östlichen
Provinzen gegen einen russischen Einfall zu sichern", gegenüber dem
zweiten Auftrag, „auch die von Österreich beabsichtigte Offensive zu
unterstützen", eindrucksvoll herausgehoben. In nicht unerheblicher Ab-
schwächung gegenüber dem Schreiben Moltkes vom 3. August erklärte
die Aufmarschweisung einen Vorstoß nach Rußland hinein nur mehr für
den wenig wahrscheinlichen Fall als zulässig, daß der Feind gegenüber
Deutschland überhaupt defensiv blieb; für die Richtung des Vorstoßes
hatte auch dann, ohne eine nähere Bindung, „die allgemeine Lage maß-
1) Conrad, IV, 282 und 375 f.
2) R e i c h s a r c h i v, II, 43 ff.
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