Volltext: Nr. 72 (72. 1920)

allen ..ihren Fähigkeiten sich den gestellten Aitfgaben 
hingeben werden. 
Im Gegensatz zur, verigen Wahl hat diesmal auch 
ein großer Feil der Provinzjudenschaft Gelegenheit, sein 
V ötuni ±ür Stricker und Genossen abzugeben. Durch die 
Erweiterung des Wahlrechtes, durch Schaffung des zwei¬ 
ten Skrutiniums hat sich die Möglichkeit ergeben, die 
Stricker und Genossen in einer Reihe von Wahl- 
ki eisen außerhalb Wien als R e i c h s 1 i s t e zu nömi- 
Nur von der Einsicht und dem Weitblicke der Hi<]J 
If*1" Hhhängen ob' aJ 
1<. Oktober genügend aufrechte und Unabhängige lö¬ 
sche Manner und Frauen gewählt werde«: • ' 
Die stets bewährte jiidisclie Solidarität in--entsohei 
dendeni Fragen läßt- uns mit rughigifer Zuversicht dem En)!! 
scheidungstag entgegengehen." 
nieren. 
Außer in sämtlichen Wiener Bezirken wurde der 
jüdischnationale Wahlvorschlag in folgendem Wahl¬ 
kreisen eingebracht: Viertel ober und unter dem Wiener¬ 
wald, Viertel ober und unter dem Manhartsberg, Linz und 
Umgebung und Graz. 
In all diesen Wahlkreisen wird die jüdische Bevöl¬ 
kerung nunmehr Gelegenheit haben, ihre Stimme für die 
jüdische Kandidatur abzugeben. Und es kann keinem 
Zweifel unterliegen, daß von dieser willkommenen Mög¬ 
lichkeit der ausgedehniteste Gebrauch gemacht werden 
wird. Ist dies doch schon in der Konstellation der übrigen 
Parteien begründet. Von den wahlwerbenden Gruppen 
scheiden für die jüdische Wählerschaft die großdeutsche 
und christlichsoziale Partei durch ihren programmatischen 
Antisemitiemtis von vornherein aus. Die kommunistische 
Partei wird voraussichtlich gleichfalls vergebens ihre 
Anhänger aus den Reihen, der Judenschaft vermehren 
wollen. So bleibt die sozialdemokratische Partei, der sich 
der jüdische Wähler zuwenden könnte. Es soll nicht 
bestritten werden, daß ein nicht unbedeutender Teil der 
Judenschaft, der modernen Entwicklung Rechnung tra¬ 
gend, sozialistisch gesinnt, der Arbeiterpartei sympathisch 
gegenübersteht. Allein die sozialistische Welle, welche 
nach der Revolution im Jahre 1918, alles überflutend, 
viele Unzufriedene und Gleichgültige in ihren Strudel 
gezogen hatte, ist bereits stark abgeebbt und hat all die 
indifferenten Mitläufer, die Konjunktursiozialisten — 
auch unter der Judenschaft — fein säuberlich wieder im 
bürgerlichen Lager abgesetzt. 
Es ware hier müßig, die sicherlich leicht erfaßbaren 
Ursachen für diese festgestellte Transpianation aufzu¬ 
suchen. Genug, daß es eine nicht geringe Zahl von Pro¬ 
vinzjuden gibt, die heute der roten Partei vielleicht 
ebenso d eisinteressiert gegenüberstehen, wie sie ihr im 
Jahre 1918, in der suggestiven Atmosphäre der Revo¬ 
lution nahe gestanden sind. Für alle diese jüdischen Un¬ 
ternehmer, Geschäftsleute, Angestellte und' Beamte wäre 
Wahlenthaltung am 17. Oktober, das einzig Mögliche ge¬ 
wesen, und dieser sind sie nunmehr enthoben, da ihnen 
Gelegenheit geboten ist, für eine jüdische Liste zu 
votieren. 
Aus diesen ursächlichen Zusammenhängen geht auch 
klar hervor, daß durch die jüdische Kandidatur — we¬ 
nigstens in der Provinz — keine Kampfansage an die 
anderen kandidierenden Parteien gegeben ist. Für die 
jüdische Liste kommen vorwiegend Stimmen in Betracht, 
die auch sonst für die anderen Kandidaturen nicht zu 
erreichen gewesen wären. Besonders der sozialdemokra¬ 
tischen Partei muß die jüdische Kandidatur erwünscht 
sein, da sie sicherlich dazu beitragen wird, ihr das uner¬ 
wünschte Odium der „Judenschutztriippe" zu nehmen!. 
Zusammenfassend ergibt sich, daß die Aufstellung 
von jüdischen Interessen dienenden Kandidaten auch sei¬ 
tens des Provinzjudentums auf das lebhafteste begrüßt 
werden kann. Nichts — sollte man meinen — köntate 
selbstverständlicher sein, als daß jüdische Wähler einer 
jüdischen Liste ihre Stimme geben. 
8 8 Aus dem jüdischen Leben. 
^□□□□□□□□□□aDaoDDaoaoDcioooüaaDDDoooaoncicfi 
Das Komitee der jüdischen Delegationen bei de 
Friedenskonferenz bereitet eine großzügige Propagmidii 
für die Idee des Völkerbundes unter den Juden der 
ganzen Welt vor. 
Von den chinesischen Juden. Bekanntlieh sind im 
letzten Jahrhundert in China Juden entdeckt worden, die 
sich weder in ihrer Kleidung noch in ihrem Aussehen, 
noch in ihrer Sprache von den Eingeborenen unterschei¬ 
den. Auch der chinesische Zopf fehlt nicht und nur ia 
ihren Gebeten und in ihren religiösen Gebräuchen un 
terse beiden sie sich von ihren chinesischen Ländsleuten. 
Sie haben Synagogen, aus deren Alter man ersieht, dal! 
sie schon seit Generationen im Lande wohnen. Jetzt 
berichten die Zeitungen, daß auch diese Juden erwacht 
sind, als zu ihnen die Nachricht von der Errichtung der 
jüdischen Heimstätte in Palästina gelangte und sie 
schickten Gesandte in die großen Städte, um mit ihren 
Brüdern in Verbindung zu treten und sie wissen zu 
lassen, daß sie bereit-sind, nach Palästina zu ziehen. 
Emiglrations-Nachrichten. Die Zionistische Exeki; 
tive hat telegraphisch alle zionistischen Landesorgani¬ 
sationen angewiesen, vorläufig die Erteilung von Ein 
reiseerlaubnissen nach Palästina einzustellen, infolge des 
dort herrschenden Mangels an.. Arbeitsmöglichkeiten. — 
Auf Veranlassung des Generalsekretärs. Landman 
findet in den nächsten Tagen eine Konferenz der ost- 
und mitteleuropäischen Palästinaämte^ statt und soll 
diese zum Zwecke haben, die Vereinheitlichung der 
Emigrationstätigkeit durchzuführen. 
Aus der polnischen Hölle. Die polnische Regierung 
hat alle von der Front zurückgezogenen jüdischen Offi¬ 
ziere und Soldaten in Jablonna konzentriert, wo sie 
unter den unglaublichsten Verhältnissen zusammen¬ 
gepfercht sind. In Siedlee verhafteten die Polen nach 
ihrem Einmärsche 400 Juden als Bolschewiken. Fünf 
von ihnen wurden sofort Erschossen, fünf andere zu 
lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt. Das Schicksal 
der übrigen ist noch nicht entschieden. — Auch in Ost- 
galizien wüten die Petljurabanden unter den Juden. 
Jüdische Männer, Weiber, Greise und Kinder werden 
massenhaft hingeschlachtet, doch sind authentische 
Nachrichten noch rar, da sowohl eine außerordentlich' 
strenge Brief- als auch Zeitungszensur herrscht. Jedoch 
sind die Berichte, welche Reisende geben, derart ent¬ 
setzlich, daß sich die Feder sträubt, sie wiederzugeben. 
Aus dem Lande der Horthy-Banditen. Nach der 
Hetzjagd gegen die jüdischen Hochschüler kommt nun 
programmgemäß die Verdrängung der Juden aus den 
Mittelschulen. Minister für Kultus und Unterricht 
Stephan Ha 11 er erließ vor kurzem eine Verordnung, 
wonach die Aufnahme in eine ungarische Mittelschule 
— die bisher nach Absolvierung der Volksschule auto¬ 
matisch erfolgen könnte — von nun) an an eine Auf-
	        
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