Volltext: Der Spaßvogel 1921 (1921)

Aber weshalb denn?“ . 
„Ich schätze eben die Freiheit höher. 
Hab' ich vielleicht so Unrecht darin ? 
Der Referendar lächelle wieder. Er 
hatte zu schnell getrunken, so daß er nicht 
mehr so, ganze klar war. „Sie sprechen von 
der Höhe Ihrer Lebenserfahrung herab'“, 
sagte er, „ich aber will diesen Berg erst 
erklimmen ·.. M— 
Der Alte nicte. „Machen Sie sich 
trotzdem meine Weisheit zunuße.“ 
Kleine Pause.... 
Der Referendar merkte, daß der Wein 
ihm zu Kopfe stieg; zuerst war ihm das 
unangenehm, dann aber kümmerte er sich 
nicht weiter darum, und endlich fand er 
ein Dleines Wohlbehagen daran, seine em- 
täuschte Hoffnung. hier bei einem quien 
Irppfen zu vergessen. So trank er tapfer 
weiter. 
„Wissen Sie,“ begann, der Alte wie— 
der, „daß ich heute, als ich von Ihnen 
fortging, furchtbar neugierig war! Fort— 
während fragte ich mich: ist das nun wohl 
eine ernste Herzenssache oder nur eine Heine 
Liebelei?“ 
Der Referendar lächelte überlegen: 
Mein, verehrter Herr, es ist eine sehr ernste 
Sache; ich will tatsächlich meine goldene 
Freiheit verkaufen. 
BVexkaufen?“ fragte der Alte mit ge— 
dehnter Stimme und schaute ernfter dran. 
bzNun ija, um, hei Ihrem Scherz von 
porhin zu bleiben,“ sagte der andere leicht- 
hin lächelnd, und trank wiederum sein volles 
Glas leer. . 
„„Jetzt spielte der Alte wieder den / Zy⸗ 
niker. „Sie haben meine Worte vorhin 
als Scherz aufgefaßt,“ sagte er, mir aber 
war es bitterer Ernst; ich glaube einfach 
nicht an eine Liebesheirat. Genußsucht oder 
Geschäft, das sind die Grünude; und das 
große Unglüdk unserer Männer ist, daß fie 
mit zuviel Idealen und Illusionen in die 
Ehe gehen — da kann ja naltüurlich der 
Rückhschlag nicht ausbleiben“ 77 
Der Reserendar sah den alten Herrn 
scharf an. Er wußte jetzt nicht mehr ge⸗ 
siau, was er von ihm halten sollte. War 
— Darüber war er 
sich nicht ganz klar. Und je mehr er durch 
die Brillengläser ihm gegenüber sahr um 
den Ausdruck der Augen dahinter zu er— 
gründen, desto mehr mußte er erkennen, 
daß sein arer Verstand rapid wich und 
daßz die Weinstimmung mit ihm durchzu— 
gehen begann. Anfangs noch wehrte er 
sich ein wenig dagegen, schließlich aber 
mußte er den Widerstand aufgeben und ließ 
es gehen, wie es wollte. 327 
„Und soll ich Ihnen mal sagen,“ sprach 
lächelnd der Alte weiter, daß ich Sie für 
einen Lleinen ... Schwerendter halte 70 
I. „O, ich bitte, ich bitte,“ meinte der 
Referendar geschmeicheit, aber er hatte scho 
einen kleinen Zungenschlag. 5* 
„Allen Ernstes! Sie haben doch troß 
Ihrer jungen Jahre auch schon das Leben 
hbis zur Neige gusgekostet, und nun fagen 
Sie sich: Schluß! klaren Tisch! ene reiche 
und Schwiegerpapa bezahlt die Sun— 
i Jetzt lachte der Referendar schallend 
Quf. FV 3 J 
„Stimmt es nicht?e “ — 
„Es stimmt, alter Herr — es stimmt 
wahrhaftig! wie — das Tupferl auf dem 
i. Sie sind ein Gedankenleser, alten 
Serr!“ Jachte schallend der heitere Referen— 
dar ·Es stimmt alles. Ich habe 
Schulden und muß ..reich heiraten! Also 
Twenn schon, denn — shon je eher. 
je besser! .. Vielleicht gewöhnt man 
sich auch bald an den Philisterstiebel.“ Er 
lachte laut; „Na Prost!es lebe die Lieb⸗ 
hahahaha!“ 73.5 A— 
JFetzt wurde der alte Herr ein wenig 
reservierter, sprach wenig uͤnd horchte ge⸗ 
nauer auf. 
er andere dagegen, jetzt vollständig 
redselig geworden kramte nun alles aus, 
was er auf, dem Herzen hatte, — daß er 
wirklich verschuldet sei, und daß nun eine 
reiche Heirat ihn retten sollte, und schließ— 
lich holte er gar noch das Bild seiner Zu—⸗ 
lünftigen heraus und rief: Hier sehen Sie 
sich mal das kleine Mädchen an — ganz 
netter Käfer, wie? . Na, ich werd' sie 
mir schon .. erziehen, daß sie mir iiht 
die Stränge zu hoch hält!“ 
„Pbtzlich erhob sich der alte Herr, 
gahm dem anderen das Bild aus der 
Hand und stechte es ein. Er schien ganz 
verändertrtt. ——— 
gSerr Referendar,“ sagte er ernst, ich 
bin Vormund der jungen Dame,. deren Bild 
ich hiermit zurücknehme.“ 7* 
Taumelnd sprang der andere so heftig 
vom Stuhl auf, daß dieser umfiel. 
„Durch einen Zufall erfuhr ich von 
dem heutigen Zendezvous. Deshalb kam 
ich statt meines Mündels. Ich wollte Sie 
twas näher kennen lernen, weil schon die 
Auskunft, die ich bekam, nicht allzu gut 
lautete. Und nun kenne ich Sie ja aller
	        
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