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Zu halten, welche jederzeit zu ihrem Dienste bereit standen (gekrönte Häupter erschienen nur
noch „xraossnto ineäieo"), und selbst die größeren Städte bemühten sich, tüchtige Doktoren
zu gewinnen, welchen Steuerfreiheit und andere Vorrechte zugesichert wurden. Jüdische Ärzte
erfreuten sich eines besonderen Rufes, vielleicht weil sie mehr anatomische Kenntnisse als
ihre christlichen Amtsgcnossen besaßen, was sie lediglich dem Talmud verdankten. Im
-Großen und Ganzen aber spielte die Chirurgie in der Medizin noch immer blos die Rolle
der dienenden Magd. (War wol ein Segen! Die Red.)
Allzuviel gelehrtes Wissen wurde solche einem Heilkünstler des 14. und 15. Jahrh,
nicht zugemutet; er durfte unbehelligt anfangen zu praktizieren, wenn er den Nachweis
geliefert, daß er sich in den klassischen Fachschriststellern umgesehen, aljo beispielsweise des
Galanus „Kunst", etwa eine Stelle aus den Aphorismen des Hippokrates, und schließlich
das erste Buch des Avicenna erklären konnte. Luther nannte sie deshalb auch in seiner
derben Art „Herrgottsflicker", und Fischart {in seiner Satire „Aller Praktik Großmutter") spottet:
„O aus mit Arznei, Zuckerei und Zauberei,
Dce die Leut' tödten ohne Scheu —
Aber die Arznei ist galgenfrei . .
Rühmliche Ausnahmen gab es allerdings auch damals schon, die Mehrzahl jedoch
verrannte sich in weitschweifige, gelehrt sein sollende Spitzfindigkeiten, oder ließ sich zu
alchymistischen Kunststückchen verleiten, wie der vielgenannte Theophrastus Paracelsus
und andere.
Den Anstoß zu einer gründlichen Verbesserung und vollständigen Neugestaltung medi
zinischer Wissenschaft gab Italien, insofern, als von dort die humanistischen Studien ihren
Ausgang nahmen, welche sozusagen dem eifrigen Forschen und Versenken in die Gesetze und
Geheimnisse der Natur erst den Stempel des Wissenschaftlichen ausdrückten, und sehr bald
bei der anatomischen Zerlegung menschlicher Körper anlangten. Bereits 1313 soll Mordini
und Luzzi in Bologna anatomische Tafeln veröffentlicht haben, doch gilt als der tüchtigste
und genialste dieser medizinischen Neuerer unstreitig der Venetianer Andrea Vesali (geb. 1514\
in dessen Geiste dann die Schweizer Gessner, Ruffius und Fabricius weiter an der Vervoll
kommnung der Anatomie arbeiteten. Emen eigenen Lehrstuhl für Anatomie gestatteten sich
von deutschen Universitäten zuerst Leipzig, später Ingolstadt und Wittenberg. Um aber die
Irrtümer und Vorurteile von Jahrhunderten vollständig zu besiegen und der neuen, aus
fester Grundlage aufgebauten Lehre Eingang und freie Bahn zu schaffen, dazu bedurfte es
freilich noch vieler Mühe und einer langen Kampfeszeit; bedurfte es vor allen Dingen der
Mitwirkung verschiedener, überraschende Erfolge bietenden Hilfswissenschaften (Physiologie,
vergleichende Anatomie, u. a.) und eingehender mikroskopischer Forschungen . . .
Treten wir zum Schluß noch ein paar Augenblicke in eine mittelalterliche Apotheke,
wo bekanntlich neben den eigentlichen Arzeneien auch allerhand Naschwerk, Confekt und feine
Latwergen für den Nachtisch der Vornehmen feilgehalten wurden. Die Stadt Ulm besaß
urkundlich bereits im Jahre 1436 eine Apotheke, welche ihre Medikamente nach ärztlicher
Vorschrift anfertigte. Dem war nicht überall so. gewöhnlich begnügte man sich dem herrschenden
Geschmack und Aberglauben der Menge Rechnung zu tragen und solche Waaren vorrätig zu
halten, welche am häufigsten verlangt wurden, und meist zur Klasse der Haus- uud Geheim
mittel zahlten. Da finden wir denn in verschiedenen, oft seltsam geformten Gesäßen: Extract
des menschlichen Gehirns, sehr hoch im Preise, gegen Fallsucht gebraucht; Extract von Hirsch
geweihen, gegen die Pest; Extract von Krebsaugen, gegen Dysurie oder Harnstrenge; Extract
der Kalbsleber, gegen Leberleiden, und der Fuchszunge, gegen Brustkrankheilen. Ferner das
teure Bezoar, eine kugelförmige Absonderung unverdauter Stoffe im Magen des Affen, als
Universalmittel in mancherlei Krankheiten beliebt, und Hundefett gegen schwache Brust, das
im Volke übrigens noch heut vielfach angewendet wird. Die in Wem gewaschene Leber eines
tollen Hundes sollte gegen Wasserscheu resp. Tollwut schützen. Wolfs- und Fuchsfett war
bei Ohren- und Augenübeln angezeigt, während gegen Fallsucht auch öfters allen Ernstes
.Katzenkot verlangt und gegeben wurde. Ein sehr begehrtes Mittel bei schweren Störungen
der Unterleibsorgane muß destilliertes Lerchenblut gewesen sein. Wie man sieht, besaß jedes
einzelne Glied des menschlichen Körpers auch sein besonderes Heilmittel. Wo kein Specificum
anschlug, griff man zu Universalrezepten, deren eine Menge verbreitet wurden. Die Erfinder
und Verfertiger solcher Zauberpillen und Wundertränklein wußten nämlich ihren fragwürdigen
Fabrikaten reißenden Absatz weit und breit zu verschaffen, ohne die leiseste Ahnung von den
modernen Hilfsmitteln der Reclame zu haben — man sagte sich eben auch damals schon,
daß Klappern zum Handwerk gehöre!
Es gab solcher Allheilmittel für jeden Geschmack, wie für jeden Geldbeutel, für den
verwöhnten Magen des Reichen und den unverdorbenen des Ärmen. In der Regel erhielt
der Käufer zugleich mit der Arzenei eine ausführliche, gedruckte Gebrauchsanweisung, worin
obenan die Namen zahlreicher Berühmtheiten aller Stände prangten, an denen das Medi
kament bereits seine wunderbare Wirkung erwiesen haben sollte. Der selige Ben Akiba
behält also auch in diesem Falle Recht, und die allbekannten, Zeitungen und Journale mit