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nicht mehr aus, und erwies sich der Krankheitsfall als gar zu hartnäckig, so half man sich
durch Auflegen von Reliquien oder durch Anrufung der Heiligen. Was heut Bäder und
Gesundbrunnen für die, von des Gedankens Blässe angekränkelte, moderne Gesellschaft ftnfc,
das ersetzten damals die zahlreichen Wallfahrtsorte, wo alle Stände und Geschlechter zusammen
strömten. Gegen häufiger vorkommende Übel, wie Gicht, Zahnschmerz u. dgl., gab es-
gewisse, als heilkräftig erprobte Gebetformeln, die auf Messen und Märkten in Gestalt
fliegender Blätter zu Tausenden reißend Absatz fanden. War der Käufer gleich des Lesens
unkundig, so erwies sich trotzdem das wunderbare Blättchen doch wirksam, wenn es nur aus
dem bloßen Leibe getragen wurde. Zu diesem Zweige mittelalterlicher Heilkunst dürfte wohl
^ auch das sogenannte „Besprechen eitler Krankheit", jedenfalls eine harmlosere Form des
Exorcismus (Teufelsbeschwörung), gehören. Unter dem Landvolke und ebenso häufig auch
bei gebildeten Städtern findet ja dieses Besprechen noch heut zahlreiche Gläubige, aber der
„Wissenden" werden von Jahr zu Jahr weniger — die Befähigung hierfür, wie das An
lernen selbst bilden gewöhnlich das streng gehütete Vorrecht einzelner Familien. Manche
Formeln, welche ehedem bei solchen Krankheitsbeschwörungen üblich waren, finden sich in alten
Arzeneibüchern, u. a. die für Natternbiß, für Rotlauf und Alpdrücken. So wurde der Rot
lauf wie folgt besprochen:
„Hellernast, heb' dich auf,
„Rotlauf, setz' dich drauf;
„Ich hab' dich ein Tag,
„Hab' Du's Jahr und Tag —"
worauf das Kreuzzeichen gemacht wurde.
Doch zurück zu den eigentlichen Medikamenten! Einen gewissen Vorrat überlieferter
Rezepte besaß selbst der gemeine Mann. Freilich spielte dabei der landläufige Aberglaube
des niederen Volkes eine hervorragende Rolle. So galt der Aderlaß für das wirksamste Vor-
beugungsmittel gegen jede Art von Krankheit, und kein Bauer hätte gelegentlich seiner An
wesenheit im Städtchen verabsäumt, sich beim „Bader" ein paar Unzen Blut abzapfen zu
lassen, wenn nicht etwa der Kalender, welcher zu dieser Prozedur bestimmte Tage vorschrieb,
dagegen Einspruch erhob. Deshalb befaßten sich auch die Bader oder Barbiere weit früher
als die Ärzte mit der Lanzette, mit dem Zahnbrecher und ähnlichen Instrumenten für
chirurgische Operationen. Von genannter Zunft stammten dann meist jene reisenden Wunder-
doktoren und Charlatane ab, welche an Festen und öffentlichen Aufzügen dem leichtgläubigen
Volke das Geld aus der Tasche lockten. In Kalendern waren sorgfältig bestimmte Zeitpunkte
für das hochwichtige Geschäft des Aderlasses verzeichnet.
Während heutzutage die Medizin die Bestandteile der einzelnen Medikamente fast nur
dem Pflanzen- und Mineralreiche entnimmt, bevorzugten die Heilkünstler des Mittelalters
auffälligerweise das Tierreich in besonderem Maße. Von Pflanzen benützte das Landvolk
am meisten Zwiebel und Knoblauch, welche Gewächse schon Galenus für den „Theriak der
Bauern" erklärt haben soll. Allen Fortschritten der Wissenschaft trotzend, hing das gewöhnliche
Volk mit hartnäckiger Zähigkeit an seinem Hausmittelschatze, der mehrfach gesammelt, sogar
in Reime gebracht wurde. Von bekannten Sammlungen nennen wir hier das „Üo^iinsn
sanitatis Salernitanum“ (Hannover 1547) und die „Leibes-Apothek" von Adolarius Rothe,
welche 1581 zu Heidelberg erschien. *)
Zu den eigentlichen Rezepten gesellten sich zahllose Sympatchiemittel, oft haarsträubende
Ausgeburten des tollsten Aberglaubens. So lautete ein derartiges Mittel gegen Zahnschmerz
wie folgt: „Nimm einen neuen Nagel, wetze damit am Zahn, bis er blutig wird, dann
schlage den Nagel an einen Ort, wohin weder Sonne noch Mond scheint, gegen Sonnen
aufgang; beim ersten Schlag sprich: Zahnschmerz fliehe! beim zweiten: Zahnschmerz geh
weg! . . ." Gegen Fieber findet sich folgende klassische Verordnung: „Nimm ein Butterbrot,
fetze darunter den Namen des Kranken und daraus die Zeichen Hnz, Hnz, Hnz; und wenn
dgs Fieber kommt, soll es der Kranke essen, so wird er gesund . . ."
Gleich den Griechen und Morgenländern schrieben auch die mittelalterlichen Alchymisten
(Goldmacher) gewissen Edelsteinen besondere Heilkraft zu; u. a. lehrte im 14. Jahrh. „Peter
4* von Bonifazius, daß der Amethist vor Trunkenheit schütze, und der Carneol den Ärger
hinwegnehme. Nach Albertus Magnus bewährten sich Topas und Achat als Gegenmittel
bei Vergiftungen.
Von wirklichen Ärzten, d. h. solchen, welche die Medizin wissenschaftlich studiert hatten
und dann praktisch ausübten, ist erst die Rede um jene Zeit, wo die schreckliche Geißel der
Völker, die Pest, auch in Deutschland Einzug hielt und aller Hausmittel, aller Rezepte und
Beschwörungen der Wunderdoktoren und Klosterleute spottete. Die Furcht vor jähem, qual
vollem Ende veranlaßte zunächst die Fürsten und regierenden Herren, sich eigene Leibärzte
*) In meiner Altertumssammlung befindet sich ein solches Buch aus dem Jahre 1585:
„Der barmherzige Samariter" von Felgenhauer. Ein klassischer Zeuge der damaligen Heil
lehre!! D. Red.
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