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hauptsächlich bezüglich der bitteren Mittel, Aloe rc., fast stets beobachtet habe.
Ein einige Jahre später mir von meinem damaligen Regiments-Komman
deur, Oberst v. N., zur Begutachtung vorgeführtes, vom Regiments-Roßarzt
an Verdauungsstörung behandeltes, hochwertvolles Reitpferd fand ich ebenfalls
schon in deutlichem Grade an Dummkoller leidend. Da die Verhältnisse (das
Regiment begab sich von der Schießübung zum Manöver) eine Mitnahme
und Behandlung bei der Truppe schwierig machten, so befürwortete ich Zurück
lassung bei dem Quartierwirte des Herrn Obersten, einem gebildeten Landwirt,
Einspannen des Pferdes in den Pflug und täglich 8—10ständige Arbeit bei
ausschließlichem Grünsutter und einigen milden Wasserklystieren
täglich. Einige Wochen nachher, nach Beendigung des Manövers, war das
Tier kerngesund, konnte nach C. übergeführt werden und that noch mehrere
Jahre unter seinem circa 225 Pfund wiegenden Herrn Dienste.
Derselbe Oberst verlor durch denselben Tierarzt ein anderes wert
volles Pferd in Folge unrichtiger Diagnose. Das Tier war wegen stark ge
schwollenen Unterschenkels (linkes Vorderbein) mit verschiedenen Einreibungen,
zuletzt fast 14 Tage mit grauer Salbe gegen „Sehnenscheidenentzündung" be
handelt worden. Als Oberst v. N. mir das Tier vorstellte, war das Fuß
wurzelgelenk selbst und von da ab bis zur Krone das ganze Bein elephanten-
artig dick geschwollen, die Haut ganz verfettet und mit einer grauen Schmiere
überzogen, alles steif, und es war unmöglich, eine bestimmte Diagnose zu
stellen. Ich nahm das Tier in die Kur, von dieser selbst nähere Aufklärung
erwartend. Das kranke Bein wurde bis über das Fußwurzelgelenk mit feuchten
Wicklungen, Bädern und Massage behandelt. Nach 8wöchentlicher Kur
schwanden die Anschwellungen des Schienbeines und der Sehne, nur das Fuß
wurzelgelenk blieb verdickt und steif (unbiegsam). Ich mußte eine innere Ver
wachsung im Gelenk vermuten und konnte demnach nur die Tödtung des
Tieres vorschlagen. Die vorgenommene Sektion ergab die Richtigkeit meiner
Vermutung. Der dreieckige Knochen war zersplittert gewesen und die Splitter
nun sowohl unter sich, wie mit den benachbarten Knochen des Gelenkes ver
wachsen.
Das ursprüngliche Uebel hatte offenbar im Hufschlage eines andern,
nebenstehenden Pferdes bestanden. Ich bin der Ueberzeugung, daß ohne die
anfängliche Behandlung mit Salben und Quecksilber der zertrümmerte Knochen
sich lediglich in sich selbst wieder würde vereinigt haben und das Gelenk brauchbar
geblieben wäre. Jedenfalls hätte sich die durch Infiltration entstandene Schwellung
des Unterschenkels und der Sehnenscheide des Hufbeinbeugers bei der Waffer-
behandlung sehr schnell verloren und das Uebel wäre, als im Knie selbst
sitzend, zeitig erkannt worden.
Ein sehr drastisches Beispiel von unrichtiger Diagnose, welche aber, Dank
der zur Anwendung gelangten Naturheilmetode, keinerlei schlimme Folgen hatte,
erlebte ich in den 70er Jahren. Ein Pferd, das einzige nicht in vorzüglichem
Futterzustande befindliche des Stalles, erkrankte nach Ansicht des Futtermeisters
(Vicefeldwebels G.) an Kolik und die übliche Wasserbehandlung mit feuchten
Einpackungen und Klystieren fand statt. Da ich auswärts war und sich die
Krankheitssymptome komplicierten, ließ G. den Roßarzt rufen, welcher sein
Verdikt auf Leberentzündung abgab und durchaus Medikamente (vielleicht
Kalomel oder Brechweinstein) verschreiben wollte. Dem gegenüber berief sich
der Futtermeister auf mein Verbot aller Arznei und fuhr die Nacht hin
durch mit der Behandlung gegen Kolik fort. Am andern Morgen früh wurde
mir der noch andauernde, ungewöhnlich hartnäckige Fall gemeldet, und ich sah
mir das Tier selbst an. Gelblich gefärbte Bindehaut und Fieber waren vor-