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Dr. Büchners, wo die Mäuse künstlich verunreinigte Luft in abgeschlossenem
Raum atmeten, scheint mir nicht entscheidend. Überdies handelte cs sich da
um eine Tierkrankheit, den Milzbrand, dem, nebenbei gesagt, Pasteur ein
flüchtiges Kontagium abspricht und ihn nur durch eine offene Wunde über
tragbar erklärt. Wenigstens wurden bei einem unlängst in Ungarn von einem
Gehilfen P a st e u r s vorgenommenen Jmpfversuchc die geimpften und unge-
impftcn Schafe und Rinder durch 24 Tage in demselben Stalle gehalten, ohne
daß die ungeimpften Tiere auch nur in einem einzigen Falle angesteckt worden
wäre», wie die „Wiener landwirthschaftliche Zeitung" berichtet.
Umsoweniger aber läßt sich die infektiöse Eigenschaft der Blattern, Masern,
des Scharlachs und wie all die als „infektiös" geltende» menschlichen Krank
heiten heißen und die mit Ausnahme der Blattern nie bei Tieren vorkommen,
durch Tiercxpcrimentc darthun. Auch wird sich wohl nie entscheiden lassen, ’
ob diese mikroskopischen Gebilde, die ihrer außerordentlichen Kleinheit halber
an und für sich zu Irrtümern und endlosem Streit Anlaß geben, Ursachen
oder Folgen der Krankheit sind.
Und ist es nicht eine ganz eigentümliche Anschauung, daß alle sonst krank
machenden Faktoren, lasterhaftes, unmäßiges Leben, schlechte Wohnungen, Un
reinlichkeit, dichtes Zusammcnwohncn und verdorbene Luft, Überanstrengung,
Witterungseinfluß re. eigentlich gar nicht in Betracht kommen sondern daß eine
ganze Reihe von Krankheiten n u r in Fvrni von spezifischen Kontagieu von
a u ß e ii in den menschlichen Körper dringen sollen?
Ich weiß es sehr wohl, daß der Ansteckungsglaube ebenso eingewurzelt und
ebenso verbreitet ist, wie der Heilmittel- oder der Jmpfschutzglaube, denn der
Durchschnittsmensch hält an medizinischen Dogmen, bei denen er aufgewachsen,
in der Regel ebenso fest, als an irgend einem kirchlichen Dogma, und ist Ber- j
nunftgründen oft kaum zugänglich. Wenn von 100 Personen, die mit einem
Blattern-, Scharlach- oder Typhuskranken in Berührung kommen, auch nur
Einer erkrankt, so gilt dieser Eine als unzweifelhafter Beweis der Ansteckung,
die 99 gesund Gebliebenen aber sieht man nicht, oder sie waren nicht diS-
ponirt. Das ist die gewöhnliche Logik der Laien und mancher Ärzte, denn
von Vielen der Letzteren muß man annehmen, daß sie selbst nicht glauben,
was sie predigen, weil sie sonst die Ersten wären, die die Ansteckung auf die
Straße und von Haus zu Haus trügen und die einer fortwährenden Desin
fektion unterzogen werden müßten. Eine solche merkwürdige Logik entwickelt
beispielsweise Prof. Ocrtel in seinem Bericht über die Diphthermsfälle in der
großherzoglicheu Familie zu Darmstavt, wo diese Krankheit eben nur auf die
Mitglieder desselben beschränkt blieb, aber weder von den 60 Personen der Hof
haltung und Dienerschaft, welche im Palais in nächster Nähe der Kranken wohnten
und verkehrten, noch von dem Warlcpersonale, das mit ihnen in unmittelbare
Berührung kam, irgend Jemand erkrankte. Die Prinzessin Bicwria, die zuerst
erkrankte, soll von irgend einer Person, die er aber nicht anzugeben weiß, viel
leicht in der Stadt, angestecki worden sein, obwohl doch kaum anzunehmen ist,
daß diese mit irgend einer kranken Person daselbst in nähere Berührung ge
kommen sei. Sie wurde sofort streng isvlirt, aber sic soll kurz vorher die
vom 11. bis 13. Nov. erkrankten 6 übrigen Personen geküßt und daher eben
falls lnsizirt haben. Die Großhcrzogin aber, die den Erbprinz gepflegt hatte,
erkrankte erst am 7. Dez., 23 Tage nach der letzten Erkrankung, weil sie an
geblich den Erbprinzen nach seiner Genesung zu früh geküßt. Also die Ersten
erkrankten infolge der Küsse, bevor die Krankheit noch cnnvickelt, die Großher
zogin aber, nachdem diese beim Erbprinzen schon nahezu abgelaufen war.