147
Morgens den Schreiner zu bestellen, daß er mir den Sarg anmesse. Doch
— Freund Hein hatte wieder nur gedroht. ich atmete wieder auf am nächsten
Morgen, bekam andern tags gesunden Appetit, nach und nach kräftigen Hunger
und war nach wenigen Wochen im Stande, meine Reise in die Schweiz anzu
treten (zweite Hälfte Februar 1850).
Was ich von der Schweizer Bergesluft gewünscht und erwartet hatte, be
wirkte sie mir nicht. Mein Asthma behielt hier Bestand so gut wie im Flach
land. Bis Mitte November dirigirte ich die Wasserheilanstalt Buchenthal
bei Uzwyl im Kanton St. Gallen, verweilte dann den Winter über in der
Stadt St. Gallen, um die zweite Abteilung der R a u s s e schen „Anleitung zur
Ausübung der Wasserheilkunde" auszuarbeiten (die 1. Abteilung war im
Sommer 1850 erschienen), ging zum 1. April 1851 nach Horn (bei Rorschach
am Bodensee), die Direktion des dortigen Bades zu übernehmen, verließ dies
im Jänner 1852, um die Pacht der Tiefenau bei Elgg, Kt. Zürich anzutreten;
aber überall hin begleitete mich mein altes trauriges Leiden. Namentlich die
trüben Nebelmonate der Schweiz, gewöhnlich November und Dezember, setzten
meiner Lunge bisweilen arg zu. Am schlimmsten zeit meines Lebens machte
sich hierin der Winter von 1853 auf 1854 in der Tiefenau geltend. Volle
zwei Monate durfte ich nicht ins Bett, saß Tag und Nacht am Tische, Nachts
den Kopf auf untergelegten Kissen ruhend, keuchend, nach Luft ringend und
nothdürftig einzelne Stunden Schlaf findend. Und meine Nahrung während
dieser ganzen Zeit? Sie bestand aus einem gemessenen Eßlöffel voll Milch,
ein bis zwei Bissen Weißbrot und einem Theelöffelchen voll Johannisbeersaft.
Das geringste Mehr von Nahrung hatte die heftigsten und lebenbedrohenden
Paroxismen zur Folge. Begreiflich magerte ich dabei bis aufs Skelett herab
und ein Daguerreotypbild aus jener Zeit bestätigt mir heute noch das Jammer
bild, welches ich damals darstellte. Zudem stellte sich infolge des langen
Sitzens, des Mangels an Bewegung und der gehinderten Lungenthätigkeit
Ödem ein, das endlich Aufbruch der Haut zur Folge hatte, bis die sonnig hei
tereren Tage des Jänners 1854 meinen schrecklichen Leiden ein Ende machten
und ich das Bett wieder aufzusuchen wagen durfte.
Nach kurzem Aufenthalte in der Schweizermühle bei Dresden, welchem ein
reaktionärpolitisches Machtgcbot der sächsischen Regierung (gegen mich als den
Schweizer Bürger gerichtet, die Minister B e u st und Krüger regierten da
mals) folgte, trat ich am 18. Mai 1854 den Besitz und die Direktion der „Waid"
bei St. Gallen an. Obschon auch hier einzelne Winter zeitweilig dickere Nebel
brachten und mein Leiden dann natürlich in verstärkter Weise auftrat, so be
merkte ich doch im großen Ganzen einen allmählichen Nachlaß desselben. Die
seit 19. Mai 1852 begonnene Vegetabildiät verfehlte nach und nach ihre be
ruhigende Wirkung auf den leicht erregbaren Lungenvagus nicht. Die Anfälle
kamen seltener, verliefen rascher und milder, und die langen unausgesetzten
Perioden blieben ganz aus.
So kam das Jahr 1863 heran. Bis dahin hatte ich an mir selber nicht
gekannt, was Fieber sei. Jede Erkältung, jedes diätetische Versehen oder irgend
eine andere außergewöhnliche Erregung hatte immer nur asthmatische Anfälle
im Gefolge. Nun auf einmal, int Frühling 1863 erfuhr ich, nach einer leichten
Erkältung, einen leichten Fieberanfall, der sich richtig und vollständig kritisch
mit einem leichten Schweißausbruch abspann. Ich war überglücklich darüber!
Wußte ich doch damit Nerven und Haut von einem Drucke befreit, der seit
fast 40 Jahren auf ihnen gelastet. Von da an waren Erkältungen wenigstens
dann auch nie mehr von Asthmaanfällen gefolgt, sondern lösten sich in