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Meine vcgetariailische Propagandareise.
Von Dr. F. W. Dock,
ärztlicher Dirigent der Naturheilanstalt „ans der untern Waid" bei St. Gallen.
(Schluß.)
Das auf den 26. Februar festgesetzte Bankett behufs Einweihung des
neu eingerichteten Vegetarianer-Speisehauscs in Berlin rief mich rasch wieder
dahin zurück. Dieses Bankett will ich hier nicht näher besprechen. Die Presse
und besonders die Berliner Blätter unsrer wackern Akademiker und Otto Glo-
gaus Kulturkämpfer haben das in jeder Hinsicht so gelungene Fest gebührend
hervorgehoben; sicher wird dasselbe allen Teilnehmern in schönster Erinnerung
bleiben! Den Berichten nach wird seit seiner Umgestaltung das Berliner
V c g e t a r i e r h a u s in der Taubenstraße sehr stark frcqucntirt; ein gutes
Zeichen für unsere Sache! Von besonderer Wichtigkeit sind die vegetarianischen
Spcisehäuscr für unsere jüngere und auch ältere alleinstehende Männerwelt, die
oft trotz des besten Willens, sogar in größcrn Städten, keinen vegetarianischen
Tisch finden kaun. Soll es uns dann wundern, wenn manch Einer unsrer
Gesinnungsgenossen dem Vegetarianismus Valet sagt? Mögen doch allent
halben gut gehaltene vegetarianische Speisehäuser sich aufthun, eine der wich
tigsten Bedingungen, dem Vegetarianismus zu rascherem Fortschritte zu
verhelfen.
Am 27. Februar hielt ich in Berlin auf Veranlassung des dortigen äußerst
regen Vereins für volksverständliche Gesundheitspflege meinen zweiten Vortrag
und zwar über das Thema:
„Die Dauer des menschlichen Lebens und die Mittel,
dasselbe nicht zu verkürzen".
Genannter Verein und insbesondere die Herren Securius und Siegert hatten
sich für das Zustandekommen meines Vortrages viele Mühe gegeben, auch er
freute sich derselbe eines geradezu überfüllten Hauses. Auch diesmal zeigte
das Publikuni ein lebhaftes Interesse für die volksverständliche Gesundheitslehre,
denn lange über die uns zugemessene Zeit blieb nach dem Vortrage der größte
Theil unsres Auditoriums beisammen und wurden mir schriftlich und mündlich
so viele Fragen gestellt, daß ich dieselben leider nicht alle beantworten konnte.
Hiermit war meine Aufgabe in der Reichshauptstadt beendigt; mich hat
mein dortiger Aufenthalt und das Interesse, das die Berliner unsrer Sache —
überhaupt der Gesundheitspflege entgegengebracht, sehr gefreut. Mögen die
dortigen Vereine, die diese Frage auf ihr Panier geschrieben, mit ebensoviel
Erfolg als Eifer weiterarbeiten!
Ehe ich Berlin verließ, besuchte ich noch das kleine hygienische Kinder-
asyl der hochverehrten Frau Stein-Sembritzky. Welches hohe Ziel die
edelgesinnte Frau sich gestellt, ist der vegetarianischen Welt bekannt. Zu meiner
großen Freude konnte ich hier konstatiren, was eine intelligente Durchführung
der Gesundheitsgesetze, besonders der Ernährung bei den schwächlichsten, ja ver
wahrlosesten Kindern, zu erreichen vermag. Die ohne Fleischund Wein,
hauptsächlich mit Milch und Brot ernährten Kinder des Stcinscheu
Asyls gedeihen herrlich.
Gehet hin und schauet, Ihr Eltern, Erzieher und Ärzte, die Ihr im Wahne
steht (den der Vegetarianismus nicht genug bekämpfen kann), die Kinder, be
sonders die schwachen, können nur bei Fleisch und Wein gedeihen. Eine der
schönsten Aufgaben des Vegetarianismus besteht darin, seine herrlichen Grund
sätze in der Kindererziehung und besonders in ihrer Ernährung einzubürgern;.